Interview mit der Pitscheider

Vor kurzem erhielten wir von den Innsbrucker Grünen die Einladung, ihre Spitzenkandidatin Sonja Pitscheider zu interviewen. Nach mehreren Wochen in der Schublade, bringen wir das Interview nun online. Das ganze Gespräch möchten muten wir euch nicht zu, im Folgenden aber die Eckpunkte rund um Bolschewismus Vorwürfe, Verkehrskonzept und Wahllprogramm.

Sonja Pitscheider

Tirolblog: Wo hast du den gestrigen 1. Mai und gleichzeitig Weißen Sonntag verbracht? Kirche oder 1. Mai Fest?
Ich war in Wien, leider habe ich es nicht in den Rapoldipark geschafft. Kirchgängerin bin ich aber keine. Das wird einem in 8 Jahren Klosterschule ausgetrieben
Unser Senf: …. und ein 3 € Schnitzel mit Bier schmeckt besser als eine Gratishostie.

Wie lebt es sich in Tirol als Grüne Politikerin? Gibt´s den einen oder anderen blöden Spruch?
Wir haben nun seit 1945 Schwarz an der Macht. Als Grüner wird man für alle möglichen Dinge verantwortlich gemacht, für die man eigentlich nichts dafür kann.
Unser Senf: Immer auf die kleinen, Grünen!

Was soll man eigentlich eine Grüne fragen? Das sind doch eh nur Bolschewiken und Kommunisten, nach Meinung einiger unserer Leser. Hast du ein Bild von Lenin über dem Bett hängen?
Nein, das bestimmt nicht. Ich habe nichtmal “Das Kapital” gelesen. Nur im Studium gestreift.
Unser Senf: Die wenigsten Pfarrer haben die Bibel komplett gelesen, das muss nicht heißen, dass sie nicht an den Lieben Gott glauben.

Sind die Grünen zu wenig populistisch? Man hört in der Presse eigentlich kaum was von Euch. Ab und an mal ein markanter Sager wäre ja ganz gut.
Findest du? Ich finde wir sind in den Medien sehr gut vertreten. Markante Sager wie es aber ein Herr Federspiel macht, sind nicht unser Ding, das stimmt. Es werden aber auch dann oft genug Dinge von ihm abgelehnt, wie zum Beispiel der lächerliche Vorschlag, Straßenmusikanten probespielen zu lassen. Sowas steht dann leider nirgends.
Unser Senf: Wir wären bei vielen Politikern für einen Intelligenztest vor Angelobung.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den anderen Parteien?
Prinzipiell ganz gut. Leider herrscht oft noch die Sitte, dass gerade die Schwarzen den Dialog nicht suchen, sondern einfach drüberfahren. Ein bißchen mehr Dialog könnte es schon sein. Das ist sehr schade, aber so ist es nun mal nach Jahrzehnten schwarzer Filz.

Die Tiroler sind sehr umweltbewusst und auch stolz auf “ihre” Natur. Wie kann man eigentlich als Tiroler nicht Grün wählen?
Das fragen wir uns auch immer ;-). Es ist allerdings schon so, dass wir vor allem in der Presse oft sehr schlecht rüberkommen, wie due es ja auch vorher schon bemerkt hast. Mit der Tiroler Presse, das ist so eine Sache. Gewisse Stories kannst du ihnen liefern, die werden aber nie irgendwo erscheinen. An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, wie wichtig ein Markus Wilhelm in Tirol ist. Wir hoffen, er macht so weiter.

Wie wären die Grünen an der Macht? Könnt ihr ausschließen, dass es in eurer Partei zu ähnlichen Vorfällen wie in der Causa Strasser kommt?
Ja, das können wir. Die Offenlegung der Parteifinanzen und auch der Einkünfte von Politikern ist eines unserer zentralen Anliegen. Viele Dinge würden anders laufen in Tirol, müssten alle Parteien ihre Einkünfte offen darlegen. Die Verflechtung von Politik und Wirtschaft ist schon sehr weit fortgeschritten. Gerade der Fall rund um die Wipptaler Bürgermeister beweist das ja einmal mehr.
Unser Senf: Was würden Politiker sonst nach ihrer Karriere machen, gäbe es nicht Banken, Energiebetriebe und andere geschützte, landesnahe Werkstätten die diese armen Kerle in den Vorstand übernehmen würden?

Thema Spitzensport: Der Wacker erhält eine Million von der Tirol Werbung, auch rund um Thomas Rohregger gibt es Gerüchte. Die Youth Olympic Games kosten 25 Millionen Euro…..
Das Problem beim Wacker ist, dass der Verein nicht Herr im eigenen Haus ist. Auf der einen Seite nehmen Stadt und Land über die Olympia World Geld vom Wacker um es ihm dann über die Tirol Werbung wieder zurückzugeben. Könnte der Wacker selbst für Catering im Stadion sorgen, würde es vielleicht anders ausschauen. Die Jugendolympiade wird von Stadt, Land und Bund getragen plus vom IOC. Warum hier für ein einmaliges Event soviel Geld in die Hand genommen wird? Brot und Spiele für das Volk – das ist nichts Neues. Man könnte das Geld sicher sinnvoller und nachhaltiger ausgeben. Dieses Debakel hatten wir ja bereits bei der Euro, als dann Platzgummer den Sessel räumen musste.
Unser Senf: Man könnte es sicher besser ausgeben. Zum Beispiel für einen Fond für mittellose Blogger. Und der Platzgummer kommt schon wieder, keine Sorge ;-)

Ihr propagiert auf eurer Seite auch den Begriff “Sanfter Tourismus”. Wie könnte das in Tirol aussehen?
Es wurden in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, die sich jetzt wiederholen. Siehe Mountainbiker. Die wollte man nicht vor 20 Jahren, jetzt bekommt man sie nicht mehr. Das selbe blüht uns mit den Skitourengehern. Warum wird in ein totes Projekt wie der Mutterer Alm soviel Geld investiert, wo doch alle Experten sagen, dass ein Skigebiet auf dieser Höhe gar nie rentabel sein kann. Als Skitourenberg würde sich die Mutterer AlmEs wurden in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, die sich jetzt wiederholen. Siehe Mountainbiker. Die wollte man nicht vor 20 Jahren, jetzt bekommt man sie nicht mehr. Das selbe blüht uns mit den Skitourengehern. Warum wird in ein totes Projekt wie der Mutterer Alm soviel Geld investiert, wo doch alle Experten sagen, dass ein Skigebiet auf dieser Höhe gar nie rentabel sein kann. Als Skitourenberg würde sich die Mutterer Alm hervorragend eignen.
Die Skitourengeher sollen sich schleichen und ihr Geld woanders ausgeben. Südtirol zum Beispiel ;-)

Wie findest du den Landhausplatz Neu? Kannst du dich damit identifizieren?
Mir gefällt der Platz, so wie er jetzt ist gar nicht mal so schlecht. Gut, es ist ein richtiger Aufmarschplatz, ein bisschen mehr Grün würde nicht schaden. Da wurden wir wie bei der Maria Theresien Straße überfahren, das passiert unseren Vorschlägen leider allzu oft. Jetzt will man auch dort Bäume. In Töpfen. Schade drum. Aber schau dir mal die Szene an, die sich dort entwickelt. Junge Leute haben einen lässigen Platz zum Skaten. Wenn der Platz nicht von Verboten zu Grabe getragenwird, macht das schon Sinn.
Unser Senf: Für Skater und BMXler ein Paradies. Schiach finde ich ihn trotzdem.

Ein anderer umstrittener Bau ist das neue Museum am Berg Isel. Wie kann es sein, dass Geld hier so verschleudert wird?
Das Berg Isel Museum ist ein Prestigeprojekt für einige unserer Politiker. Da wurde schon an den richtigen Schrauben gedreht, damit das auch zustande kommt. Die Kosten wurden am Anfang mit Absicht niedrig gehalten, um das Projekt durchzubringen.

Viele Tiroler finden Euch unwählbar. Ihr wärt eine Partei für Fixer, Assoziale, Schwule, Studenten und Schmarotzer.
Viele Vorwürfe kommen daher, weil unser Programm stark verkürzt dargestellt wird. Das ist schade. Was ist eigentlich assozial? Wir sindaber definitiv eine Partei, die nicht nach unten tritt. Die Panikmache,
wie sie Federspiel und Co betreiben, sind uns zuwider. Diese Fokusierung auf das Thema Sicherheit. Wir leben in einer der sichersten Städte der Welt. Was soll das ganze? Das dient doch nur dazu, um von anderen Themen abzulenken.
Unser Senf: Ich kann mich noch an den Telefonzellen – Mord im Jahr 2000 erinnern. So sicher kanns also nicht sein, wenn alle 11 Jahre sowas passiert. Fürchterlich, dieses Innsbrooklyn ;-)

Apropos Programm: Wie lautet das eigentlich? Ich bin ein bißchen auf Euren Seiten herumgesurft, ein Wahlprogramm habe ich aber nicht finden können. Das letzte Manifest auf der Seite der Innnsbrucker Grünen das ich fand, stammt aus dem Jahr 2008 und lautet: “So gewinnen die Grünen die Landtagswahl.”
Der Bund gibt die Grundsätze der Partei vor, das wird dann runtergebrochen auf Landes- und Kommunalebene. Schwaz hat ja ganz andere Bedürfnisse als z.B. Innsbruck. Das wird natürlich berücksichtigt.
Unser Senf: Sehr gut, Frage aber nicht wirklich beantwortet bzw der kleinen Provokation ausgewichen.

Wie aber ist nun Euer Wahlprogramm in Innsbruck?
Ein zentrales Thema ist die Energieversorgung. Öl und Gas werden unbezahlbar. Viele Innsbrucker schwitzen im wahrsten Sinn des Wortes wenn die Heizrechnung kommt. Wir sind für einen Umstieg zu alternativen Energiequellen. Die Umstiegskosten sollten von der Stadt Innsbruck subventioniert werden. Eine 100m² Wohnung mit Öl zu heizen kostet bis zu 95 € im Monat. Mit Wärmedämmung, Fenstertausch und ua. Solar könnte man das gleiche Ergebnis mit 35 € erreichen. Man könnte so die Betriebskosten von Privaten und Unternehmen senken.

Wie hoh wäre die Investition einer solchen Umstellung für eine 85 m² Wohnung wie es die meine ist?
Das muss man sich von Fall zu Fall anschauen, je nach Haus, Alter und Bauweise. Momentan blockiert die ÖVP das ganze noch, es soll aber bis 2018 auf Schiene gebracht werden. Auch die IKB müsste auf Fernwärme umsteigen.
Unser Senf: ÖVP und blockieren? Niiiiiemals ;-)

Wahlpgrogramme sind doch alle gleich. Alle Parteien wollen höhere Löhnge, günstigeres Wohnen, bessere Kinderbetreuung. Warum soll man Grün wählen?
Bei vielen Parteien sind das aber Lippenbekenntnisse. Gerade das Thema Kinderbetreuung wird doch nicht wirklich ernst genommen. Die Kindergärten sind sehr teuer, obwohl es sich die Stadt Innsbruck leisten könnte, die Betreuung günstiger zu machen. Für Kinder unter 3 Jahre gibt es überhaupt nur private Lösungen. Das ist teilweise auch ein ideologisches Problem für die sehr konservativen Politiker.

Was habt ihr noch im Wahlkampfprogramm?
Generell sollte das Strompotential gesenkt werden. Das soll aber nicht heißen, dass wir alle im Dunkeln sitzen. Sehr wichtig ist uns auch das Thema Mobilität. Treibstoff wird immer teurer. Wenn wir nicht jetzt anfangen, umzustellen, haben wir in 10 Jahren einen realen Wohlstandsverlust. Zu Fuß, am Rad oder mit den Öffis, dafür das Auto öfter stehenlassen. Die Kiste Bier holen, eh klar, aber täglich braucht man es nicht. Wir haben keine Freude mit dem Plan der neuen Graßmayrkreuzung, die 40 Millionen Euro kosten wird.

Radfahren in Innsbruck? Das Radwegnetz ist ein Witz… allein wenn ich an die Olympiabrücke denke….

Stimmt. Es ist kein Netz. Es sind zwar immer wieder Teile vorhanden, zusammenhängen tut das ganze aber nicht. So bringt man die Leute natürlich nicht dazu, mehr mit dem Rad zu fahren. Da muss schon ein Konzept dahinter.

Thema Öffis. Ich bin passionierter Schwarzfahrer. 1,70 ist mir einfach zu teuer für eine kurze Strecke wie ich sie ab und an fahre.
Ich habe mal gerechnet. Mit den 40 Millionen Euro der Graßmayrkreuzung könnte man die Einzeltickets der IVB 18 Jahre lang um 1 € anbieten.
Unser Senf: 1 € kommt näher an meine Schmerzgrenze ran. Ich sehe das Schwarzfahren aber auch als Nervenkitzel und als Pep in meinem tristen Dasein.

Das Argument, dass Benzin und Diesel zu teuer sind, sehe ich ein. Trotzdem werden nicht viele das Auto stehen lassen. Ihr seid beide Raucher. Die Zigaretten werden auch immer teurer und ihr lasst es trotzdem nicht bleiben. Wo ist die Schmerzgrenze beim Benzinpreis?

Was passiert, wenn es so weiter geht? Vor 15 Jahren kostete der Liter Diesel weniger als 10 Schilling. Heute sind es schon über 20 teilweise. In 10 Jahren werden es 30 Schilling sein. Wer kann sich das noch leisten? Das Einkommen sinkt seit den 90ern.
Unser Senf: Nun ja, als Nichtraucher – locker!

Wird es eine Citymaut geben?
Die Citymaut ist bestimmt nicht unser primäres Anliegen. Es gibt noch viele Dinge die vorher zu tun sind. Erst als letzten Ausweg können wir uns sowas vorstellen.

Wie bringt man die Leute dazu, auf Öffis umzusteigen? Nur der Preis ist es ja wohl nicht?
Wir müssen den Service verbessern. Pünktlich, schnell von A nach B, und günstiger. Dann steigen die Leute auch um. Wo gibt es denn heute eine Busspur?

Hmmm, im O-Dorf, Museumstraße ist eine einzige Busspur….
….Innrain, und das wars auch schon. So kann das nicht funktionieren!

Aber den Berufsverkehr wird man nicht auf Bus und Schiene bringen können? Man verliert zuviel Zeit mit den Öffis.
Natürlich, solange ich die Wahl habe zwischen 20 Minuten im Auto oder 90 Minuten im Bus, nehme ich auch das Auto. Ganz klar.
Unser Senf: Aha…. also doch Wasser predigen und Wein trinken.

Also Qualität erhöhen und Preise senken. Geht das?
Ja, wir sind uns sicher, dass das funktioniert. Billiger und gleichzeitig schneller, dann steigen die Leute um. Das Problem ist, dass wir autosozialisiert sind. Ich komme selber vom Land. Dort ist das Leben
ohne Auto unvorstellbar, wir sind es gewohnt. Man könnte aber die Zeit, statt im Auto zu sitzen, mit dem Smartphone besser nützen im Bus.
Unser Senf: Klingt wissenschaftlich belegt! Sapperlot!

Der Brennerbasis Tunnel ist derzeit im Bau. Wie schätzt du das Projekt ein?
Mit der derzeitigen Gesetzeslage ist der Bau umsonst. Solange hier über uns drübergefahren wird, schafft man es nicht die Situation zu verbessern, sondern maximal dass sie nicht schlimmer wird. Aber dafür
verdienen einige Firmen ja ordentlich dran.
Unser Senf: … und meist mit den Firmen indirekt irgendwie auch die Auftraggeber…..

Neue Frage: was bieten die Grünen der Mittelschicht?
Wer ist überhaupt die Mittelschicht? Nur ein Konstrukt! Es gibt eine Mittelschicht, eine Unterschicht, aber keine Reichenschicht.
Unser Senf: Womit wir wieder beim Thema wären…

Sagen wir mal 2 Kinder, 2000 € netto… Tiroler Einheitsbrei eben.
Der Durchschnitt ist aber weit drunter. 1700 €, das ist die Mittelschicht. Und das ist in Tirol eindeutig zu wenig zum Leben. Wir stehen für Kinderbeihilfe, für Kindergärten, für Bildung, Gesundheit. Krankenhäuser müssen auch weiterhin für alle leistbar sein. Wir haben es in Tirol sehr schön, haben aber durchaus das Potential den Wohlstand besser zu verteilen. Beim Thema Besteuerung entfernen wir uns dann aber glaube ich doch etwas von der Komunalpolitik….


Wie würdet ihr das Problem mit der teuren Wohnsituation in Innsbruck lösen. Gibt es dafür überhaupt eine Lösung?

Die gibt es schon. Nur müssen dafür die Voraussetzungen geschaffen werden. Der Baugrund für Wohnprojekte muss billiger werden. Grund und Boden in Tirol kann nicht so teuer sein. Das kann sich die Gesellschaft nicht mehr leisten. Wenn es sein muss, muss man eben dafür Gesetze machen, um als Land Tirol an günstigen Grund und Boden zu kommen. Beim Bau der Autobahn in den 70ern ist das schließlich auch gegangen. Solange aber hier spekuliert werden kann und einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit profitieren, gibt es keinen Ausweg.
Unser Senf: Aha, also doch Bolschewiken…..