Was bisher geschah…

„… wenn es unter die schlechten Menschen gebracht werden soll.“ Francesca war aufgestanden und hatte langsam zu sprechen begonnen, nachdem sie ihre Unterlagen genau an der Maserung des klobigen Holztisches im Hinterzimmer des „Klausnerwirtes“ ausgerichtet hatte.

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„Deshalb möchte ich, auch wenn wir alle wissen und spüren, warum wir hier zusammen sind, unseren Plan nochmals vor unserem geistigen Auge aufrollen. Das hilft uns, die Übersicht zu behalten und es hilft uns auch, unseren Glauben an unsere heilige Sache zu stärken und uns wieder ins Gedächtnis zu rufen, wofür wir arbeiten: Für ein geeintes Tirol!“

Sie machte eine kurze Pause und blickte in die Gesichter ihrer sieben Mitstreiter. Bei allen konnte sie die Begeisterung erkennen, die sie einst zusammengeführt hatte, auch wenn der eine oder andere im Laufe der letzten Jahre manchmal zweifelte, ob das, wofür sie kämpften und wofür sie nicht nur all ihre Fähigkeiten und ihre Kraft, sondern auch ihr Geld einsetzten, nicht doch bloß ein leeres Hirngespinst war, das die Farben Tirols trug.

„Also: Es gibt zwei Dinge, die uns einen: Das eine ist die Schlechtigkeit der Welt, in der wir leben. Und das Zweite ist unser Wissen darüber, wie wir diese Welt wieder zu einer guten Welt machen können, zu einer Welt, in der unsere Kinder und Kindeskinder in Frieden aufwachsen können. Dies gute Welt kennt keine Grenzen in ihrem Inneren, sie kennt keine falsche europäische Vielfalt und sie kennt nur eine Sprache: Die herrliche italienische Sprache, die als einzige von Gott dazu ausersehen wurde, den Geist des alten römischen Reiches, das aus den Trümmern Griechenlands entstanden ist und das alles Wissen der Menschheit zusammengefasst und so glorreich überhöht hat, weiter zu tragen. In eine Zukunft, in der die Sonne der Weisheit, des Guten und Reinheit über uns Menschen strahlt und in der Tirol wieder die Rolle einnehmen kann, die ihm vom Geist der Vorsehung zugedacht wurde:

Das geeinte Land inmitten des Kontinents wird ein leuchtendes Herz sein, das seine Nachbarn befruchten kann, das seinen Einwohnern Glück und Friede und Reichtum bringen wird und das ,,,“

Francesca, die sich in Rage geredet hatte, machte eine kurze Pause.

„Wir haben uns vor Jahren zusammengefunden, weil wir zur Erkenntnis gelangt sind, dass diese Europaregion, die unsere verrotteten und von Brüssel korrumpierten Politiker herbeireden wollen und die doch nur ein hohles, leeres, gleichmacherisches Wort ist, unserem Land nie gerecht werden kann. Verstümmelt ist dieses Tirol, zerrissen zwischen einem schleimigen, rückgratlosen Österreich und einem Italien, das nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

Oh Weh! Oh Schmerz, unsere Heimat, die der Kern des ganzen Kontinents ist und das einzig auserwählte Land obendrein, dieses Tirol liegt darnieder: Von wandernden Touristenhorden überschwemmt, von gleichmacherischen Funktionären der gierigen europäischen Einheitsdoktrin vorgeworfen, müssen wir mitansehen, wie diese stolze Heimat stolzer Menschen zur Karikatur verkommt, zur Kulisse mit steilen Bergen und grünen Almen. Jodelnde Ostdeutsche, fette Wienerinnen in karierten Fetzen, die sie als Trachten bezeichnen, Motorräder und Campingmobile drücken unserer Herzensheimat den brennenden Stempel des ‚Urlaubsparadieses’ ins schmerzende Fleisch.

Doch genug der Klagen! Das gottgewollte Italien wird unserem Tirol genau den Nährboden geben, den ihm Österreich so lange vorgegaukelt und Europa jahrelang vorenthalten hat. Du, Tirol, bist das Glück, welches das Reich des ewigen Italien wieder auferstehen lässt: Uno Tirolo! Uno Tirolo! Uno Tirolo!“

Ihre Stimme überschlug sich beinahe. Die sieben Verschwörer waren aufgesprungen und skandierten gemeinsam mit Francesca ihren Schlachtruf, während sie den kriegerischen Rhythmus laut auf den großen Wirtshaustisch trommelten: Uno Tirolo! Uno Tirolo! Uno Tirolo!

Die Lippen der Verschwörer bebten, ihre Augen waren weit aufgerissen und ihre Schauzbärte, soweit vorhanden, zitterten. Das Trommeln auf dem Tisch wurde immer lauter: Sie hatten ihre Schuhe ausgezogen und schlugen mit den Absätzen auf die Tischplatte.

Da konnte sich Francesca nicht mehr halten: Sie stieg auf ihren Sessel, stützte sich auf Braverles Schulter und fand sich plötzlich von ihm und Canofalscho auf den Tisch gehoben, auf dem sie ihren Hexentanz inmitten der vierzehn Schuhe, die den Takt schlugen, zu tanzen begann: Zuerst langsam, dann, angetrieben vom immer schneller werdenden Stakkato der Absätze, immer rascher. Ihre Stimme wurde schriller und schriller und als sie das letzte „Uno Tirolo!“ hervorgestoßen hatte und der Takt so rasend schnell geworden war, dass nur noch ein gleichförmiges lautes Trommeln zu hören war, brach sie mitten auf dem Tisch zusammen. Der Gottesdienst für das geeinte Tirol unter der Herrschaft Italiens war zu Ende.