Die Innschwimmer – der blutige Thriller aus Tirol

Inhalt

Es gibt immer wieder Menschen, die im Inn schwimmen – abwärts, versteht sich. Das Wasser ist ihnen nicht zu kalt, es sind ausdauernde Schwimmer: Junge und Alte, Frauen und Männer. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Gegenden und es gibt nur eine Sache, die sie gemeinsam haben: Sie sind tot.
Die Polizei tappt im Dunkeln, während die Bevölkerung immer unruhiger wird.
Da tauchen in einer kleinen Innsbrucker Galerie Bilder eines längst verstorbenen Hobbymalers auf, auf denen dunkle, längliche Flecken zu sehen sind, die in einem Fluss treiben. Zwei Dedektive wider Willen und bar aller Erfahrungen machen eine grausige Entdeckung, und schon bald hängt ihr Leben an einem seidenen Faden.

Erleben Sie ein Tirol, in dem sich Macht und Politik, Sex und Gewalt ein Stelldichein geben. Erleben Sie ein Tirol, in dem nichts so ist, wie es scheint!

Prolog
1 – Ein verhängnisvoller Anruf
2 – Aber Herr Pfarrer!
3 – Der Schlag
Gerettet, aber mit Kopfweh

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Prolog

Mit einem dumpfen Plop schlug die Kokosnuss in dem weißen Sand auf. Der weisse Sand färbte sich langsam rot. Blutrot. Leise schwangen die länglichen, schlaffen Früchte der Kokospalmen im Wind hin und her. Aus einigen Früchten tropfte etwas Rotes in den Sand und wurde dort, wo die kleinen Wellen schäumend den Strand heraufkrochen, gleich wieder weggewaschen. Die Sonne am Horizont senkte sich langsam nach Westen und es schien, als ob sie damit beeilen würde, um ihr Licht nicht länger auf die bizarren, langsam verwesenden Körper werfen zu müssen, die in den Palmen schaukelten.
Die Gehenkten an der südlichsten Palme, die von ferne wie Früchte aussahen, drehten sich langsam schwingend um ihre eigenen Achsen, weil das kopulierende Gibbon-Männchen hoch oben zwischen den Palmwedeln glaubte, er sei heute wieder ein ganz toller Hecht.

Da zerriss ein metallischer Schrei die Stille. Hias schreckte aus seinem Traum auf und brachte den Wecker, der den metallischen Schrei ausgestoßen hatte, mit einem Schlag seiner flachen Hand zum schweigen. Als er sich im Bett aufsetzte und, die Augen reibend zum Fenster blickte, spürte er seine ausgetrocknete Kehle.
„Ahh, schon wieder schlecht geträumt“, murmelte er, schon auf dem Weg in die Küche, wo er hinter dem ungewaschenen Geschirr des gestrigen Abends noch ein sauberes Glas vermutete. Nach einigen kräftigen Schlucken fühlte er sich etwas besser. Hias öffnete die Vorhänge und gestattete der frischen Luft, sich in seiner kleinen Zweizimmerwohnung auszubreiten.
Als er aus der Dusche stieg, brodelte die Espressomaschine auf der Herdplatte und er freute sich auf sein übliches Katerfrühstück: Zwei große Tassen Extremespresso, eine Scheibe gebratener Speck und zwei Spiegeleier. Seit er vor vielen Jahren einmal mit der Tochter seines Nachbarn nach London getrampt war, hatte ihn diese Gewohnheit nicht mehr losgelassen.

Hias räumte den Tisch ab und schlichtete das Geschirr in die Spülmaschine. Gerade als er sich auf den Weg in den Stall machte, brüllten die Sex Pistols ihr „Who killed Bambi?“ aus seiner Hosentasche. Er zögerte kurz, dann griff er nach seinem Mobiltelefon. Erst viel später sollte ihm klarwerden, dass er das besser nicht getan hätte.

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1 – Ein verhängnisvoller Anruf

„Haus Hias … äähh … Friedhelm. Haus Friedhelm“ Noch klang seine Stimme nicht so, dass sein Gesprächspartner viel auf einen fröhlichen, ausgeschlafenen Hias gewettet hätte.
„Verwählt“ sagte eine nicht minder verschlafene Stimme, die trotz der Tatsache, dass hier eine Frau sprach, nicht schlecht zum Klingelton seines Telefons passte. „Tschuldigung. Und guten Morgen. Auf Wiederhö …“
„Gut ist der Morgen nicht, hab ich den Eindruck“, unterbrach Hias die müde Frau. „Aber auch Ihnen einen guten Morgen.“
„Öha! Dann scheinen wir uns ja den gleichen Morgen zu teilen“, antwortete die Stimme. „Übrigens: Mein Name ist Gloria. Gloria Deti.“
„Gloria Dei?“
„Nein, Dei, nicht Deti. Äähh, umgekehrt, also ich heiße …“
„Ja wie heißen Eure Heiligkeit denn nun?“
„Deti. Deti!. Entschuldigen Sie, ich bin ein bisschen durcheinander heute morgen.“
„Das macht nix, Frau Deti. Warum sind Sie denn so durcheinander?“ Ihre Stimme gefiel Hias, und langsam entstand vor seinem geistigen Auge ein verschwommenes Bild seines telefonischen Gegenübers: Halblanges, gelocktes Haar, brünett, lange Wimpern, verführerischer Mund, tiefblaue Augen und eine Zigarettenspitze aus Elfenbein, die sie zwischen den behandschuhten Fingern drehte.
„Ach nichts! Eigentlich gar nichts.“
Schade. Er war mit seiner Frage zu weit gegangen und musste nun versuchen, die Situation, also das Gespräch zu retten.
„Ich wollte nicht neugierig sein, Frau Swanson, aber …“
„Swanson? Warum sagen Sie Frau Swanson zu mir? Das gibt’s doch nicht!“
Hias schluckte.
„Ahh, mir ist …, also ich bin …, nein: Bei Ihrem Vornamen hab ich gleich an Gloria Swanson gedacht!“
„Das gibt’s doch nicht!“ sagte Ihre Heiligkeit wieder. „Erst gestern hat mir ein alter Polizist auf dem Kommissariat gesagt, dass aussehe wie Gloria Swanson. Dabei hab ich von der noch nie etwas gehört!“
„So ein Zufall!“ Hias lachte. Da hat der Postbeamte aber guten Geschmack bewiesen.“
„Postbeamte? Ich war auf dem Kommissariat.“
„Ach ja. Klar. Wissen Sie, wahrscheinlich ist die Verbindung nicht die Beste“, sagte Hias rasch und dachte, dass eher seine Ohren nicht die Besten wären. „Was haben Sie auf dem Kommissariat zu tun?“ Schon wieder war er zu weit gegangen.
„Ach, wissen Sie, das ist eine komische Geschichte.“ sagte Gloria, die seine Neugier nicht zu stören schien. „Ich hab gestern abend geglaubt, dass im Nachbarhaus jemand aus dem Keller um Hilfe ruft. Aber da werde ich mich wohl getäuscht haben.!
„Im Keller? Um Hilfe rufen? Wer hat denn gerufen?“
„Das ist es ja eben: Wahrscheinlich niemand. Nachdem ich das erste Mal angerufen habe, ist eine Funkstreife gekommen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich ernst genommen werde. Und dann hab ich immer geglaubt, dass ich … Aber warum belästige ich Sie denn mit so was? Zuerst verwähle ich mich, und dann erzähl ich Ihnen meinen Schmarrn.“
„Nein! Nein!“ Hias floss fast über vor lauter Verständnis. „Das klingt ja … äähh… spannend. Jawohl: Echt spannend. Bitte erzählen Sie weiter!“
„Also: Ich wohne in der St. Nikolaus-Gasse in Hötting und hab gehört, dass jemand aus einem Keller um Hilfe schrie. Ich rief die Polizei an, wurde aber nicht sehr ernst genommen. Und jetzt wollte ich mich auf dem Kommissariat beschweren, hab mich aber verwählt und bin bei Ihnen gelandet. Rein telefonisch natürlich.“
„Toll.“
„Toll? Na, ich weiß nicht. Aber was soll’s. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Auf Wiederhören!“
„Auf Wiedersehen.“ antwortete Hias, unbeschadet der Tatsache, dass er durchs Telefon auch dann nicht allzu viel sehen würde, wenn er nicht verkatert wäre.

Er steckte das Telefon nachdenklich in die Hosentasche und machte sich an die Arbeit. Er begann damit, den Schafstall auszumisten, fütterte die Tiere und mistete dann die vier Gästezimmer aus, die von den holländischen Trunkenbolden, die seine letzten Gäste waren, in wüstem Zustand hinterlassen wurden.

Nach der Arbeit legte er sich auf die Couch und blätterte in der neuesten Ausgabe von „Du und dein Schaf“, dem unentbehrlichen Fachmagazin für Schafzüchter. Als er versuchte, sich vorzustellen, ob er eine Zeitschrift für abgehalfterte Zimmervermieter „Du und dein Gast“ herausgeben sollte, schlief er ein.
„Gloria?“ Hias schreckte auf. Er hatte doch tatsächlich geträumt, dass ihn die seltsame Anruferin geweckt hatte. Kopfschüttelnd, ging er in die Küche, stellte die Espressomaschine wieder auf die Herplatte und drehte sich eine Zigarette. Er setzte sich auf die Bank vor dem Haus, trank den brennend heißen, starken Kaffee und rauchte langsam und bedächtig. Dann ging er zurück ins Haus. Er hatte einen Entschluss gefasst.

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2 – Aber Herr Pfarrer!

Es wurde langsam dämmrig, als sich Hias nach einigen Gläsern Wein in der Altstadt über die Innbrücke nach St. Nikolaus aufmachte. Vor dem Kino blieb er stehen. „Schund und Sünde“ stand dort in großen Lettern zu lesen. Er überlegte kurz, sich den Film, der mit zwei Grammys ausgezeichnet wurde, anzusehen, ging dann aber doch weiter und setzte sich in eine Kebabbude. Er mochte Schafe nämlich in allen Varianten, nicht nur lebendig.
„Viele scharf?“, fragte der freundliche Schnauzbart hinter der Theke.
„Bissele viele“, antwortete Hias und hätte beinahe nachgesetzt: „Weil scharf bin ich selber!“

Nachdem er gegessen hatte, machte er sich mit einer Dose Bier in der Hand auf den Weg in die St.-Nikolaus-Gasse. Er ging langsam, ein wenig unsicher. Aber es war nicht nur der Alkohol, der ihn zögern ließ. Was wäre, wenn ihm Gloria über den weg lief? Würde sie ihn für einen Spanner halten? Nein, Stalker heißt das, dachte Hias. Aber er beruhigte sich gleich wieder: Gloria konnte ja nicht wissen, wie er aussah.

Er ging die Gasse entlang und sah sich verstohlen um: Keine Gloria weit und breit. Er hörte sich auch um: Kein Hilferuf weit und breit. Von der Innstraße heulte eine Sirene herauf und ein Moped quälte sich lauthals Richtung Alpenzoo. Er setzte sich auf die Stufen vor der Kirche und drehte sich eine Zigarette.

„Fein ist’s heute, nicht?“
Er schreckte auf. Hinter ihm stand ein Mann, der aufgrund seiner typischen Arbeitskleidung unschwer als Priester zu erkennen war. Hias überlegte einen Augenblick, ob Hochwürden Ausschau nach Ministranten hielt, aber er verkniff sich diesen Gedanken rasch: Es laufen sicher noch genug anständige Pfarrer durch die Gegend.
„Ja, ja, fein. Richtig fein. Störe ich hier?“
Der Pfarrer lachte: „Mich nicht, und dem lieben Gott ist’s wurscht. Der würde sie höchstens um eine Zigarette bitten!“

Hias glaubte, er träume, aber zwei Minuten später saß Hochwürden neben ihm auf den Stufen, paffte genüsslich die selbstgedrehte, die er ihn angeboten hatte und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche mit der Aufschrift „Messwein. For holy use only“.
„Der wein ist ausgezeichnet. Ein 2007er St. Laurent aus dem Burgenland. Ich füll ihn immer in die gleiche Flasche. Aber sagen Sie, was führt Sie hierher, in die Koatlackn? Sie sind ja kein Innsbrucker, hab ich Recht“?
„Haben Sie, Herr Pfarrer. Ich bin Schafbauer in Rafting im Oberland, und ich bin hier, weil, na, …“ Er zögerte.
„Weil was? Weil Ihnen die Schafe davongelaufen sind? Das passiert mir dauernd!“ Hochwürden mutierte mit jedem Schluck Messwein ein bisschen mehr zum Scherzkeks.
„Na gut, Herr Pfarrer. Ich erzähl Ihnen die Geschichte, aber Sie dürfen icht lachen.“
Hias erzählte, und der Pfarrer hörte ihm aufmerksam zu. Als er abschließend Gloria beschrieb, besser gesagt, das Bild, das er von Gloria hatte, nickte Hochwürden:
„Ja, ja, die kenn ich gut. Eine tolle Frau. Das wäre eine Pfarrköch… Entschuldigung, jetzt hab ich Sie unterbrochen.“
„Sie kennen die Frau? Sie wohnt doch hier, gleich ums Eck, nicht wahr?“ Seine Frage klang beinahe flehentlich. Und ein bisschen trotzig auch, denn Hias stellte überrascht fest, dass er auf den Pfarrer ein beinahe eifersüchtig war.
„Natürlich. Gleich unten in der Gasse. Und Ihe Geschichte kenn ich übrigens auch. Sie hat mich nämlich, bevor sie die Polizei anrief, um Rat gefragt.“
„Das hat sie mir nicht gesagt.“
„Warum hätte sie auch? Heutzutage gibt niemand gern zu, dass er, oder in diesem Fall sie einen Pfarrer um Rat fragt. Die Leute kommen haufenweise zu mir, aber immer ganz geheim. Manchmal fühl ich mich wie ein Puffvater, dem die Kundschaft alles anvertraut!“
Hias sah ihn an. Das könnte passen, dachte er: Die Glatze. Der Hans-Orsolic-Bart. Der Bauch.

Er verabschiedete sich bald vom Pfarrer und versprach, wiederzukommen, „… aber mit einem großen Stück Speck und einer Flasche Schnaps,“ lachte der Pfarrer, „denn wie heißt’s schon bei Wilhelm Busch: Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“

Der Schlag

Als er die Gasse zurück ging, schwankte Hias bereits ein bisschen und er sah sich verstohlen nach einer dunklen Hauseinfahrt um: Öffentliche WC’s sind nämlich Mangelware, und wo keins ist, macht Mann sich halt eines. Schräg hinter ihm auf er anderen Straßenseite stand eine alte, doppelflügelige Holztür halb offen und ließ den Blick in eine Hofeinfahrt frei. Hias freute sich, als der warme Strahl der alten Wand entlang auf den Boden rann und dort eine kleine Pfütze bildete, genau zwischen seinen Schuhen.

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Er streckte sich genüsslich und hatte schon beinahe vergessen, warum er nach Innsbruck gefahren war, als er den Schrei hörte.
Wenn er nicht gerade Erleichterung gefunden hätte, würde er sich jetzt sicher ins Hemd brunzen, wie es so schön heißt.

Und nochmals: „Hilfe!“ und wieder: „Hilfe!“ Der Schrei klang irgendwie verhalten, beinahe ruhig und gar nicht panisch. Trotzdem rief hier jemand, es war nicht klar zu sagen ob Männlein oder Weiblein, um Hilfe. Und zwar aus dem Keller jenes Hauses, das Hias gerade markiert hatte.

Er konnte es kaum glauben: Alles, was ihm Gloria erzählt hatte, stimmt. Es ist Wirklichkeit! Keine Fantasie, keine Tagträume: eine Frau hatte ihn angerufen und ihm erzählt, dass in einem Innsbrucker Keller jemand um Hilfe rief. Und er stand nun vor diesem Haus. Also nix wie hinein in das Haus, dachte Hias und merkte erst in dem Moment, als er im Innenhof die halbgeöffnete Kellertüre sah, dass er vor Angst zitterte. Und er bemerkte es nur deshalb, weil das kalte Blech seiner halbleeren Bierdose auf seinen Zähnen Vibraphon spielte.

„Egal.“, dachte Hias, „auch ein Schafbauer kann ein Held sein!“ „Muss aber nicht!“ dachte er gleich darauf und war bereits drauf und dran, umzukehren, als er hinter der Kellertür einen schwachen Lichtschein bemerkte. Und nun ging es ihm wie den Männern von Lili Marleen: „… doch wenn sie verbrennen, nein dafür kann ich nicht!“

Hias verbrannte zwar nicht, aber er bemerkte den Schlag erst, als er, schon im Zubodengehen, sah, dass seine Füße auf einmal oberhalb seines Kopfes waren. Dann wurde es dunkel um ihn und ver versank in einem langen, tiefen Schlummer. In einen Schlummer, aus dem er nie wieder erwachen sollte, wenn es nach dem Mann ging, der die Eisenstange an seinen Lederhandschuhen abwischte, bevor er sie leise hinter der Kellertür abstellte. Der Mann ging zurück in den Keller, und wenn Hias nicht bewusstlos gewesen wäre, dann hätte er den verröchelnden Hilfeschrei bestimmt gehört, der mit einem dumpfen Fall auf den Erdboden endete.

Gloria Mundi

„Herrschaftszeiten! Der ist ja noch schwerer, als er ausschaut“, sprach der Mann auf dem Weg nach Golgotha und schnaufte schwer.
„Sie schaffen das schon!“, ermunterte ihn die Frau. „Wie heißt es so schön: Oim no bessa wia a Kreiz am Buckl.“
Zweimal musste der Mann seine schwere Last ablegen und sich auf die Stufen setzen, um richtig durchzuatmen, aber schließlich war Hochwürden mit Hias auf dem Rücken vor Glorias Wohnung im zweiten Stock angekommen.

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Es ist auch unschwer zu erraten: Das „Kreiz“ war Hias, der Kreuzweg-Pilger der Herr Pfarrer und die schöne Frau – richtig: Gloria. Schwerer zu erraten ist es, wie die wundersame Rettung des viel zu neugierigen – es heißt ja nicht umsonst: „Curiosity killed the sheep!“ – Raftinger Schafbauern vonstatten ging: Gloria war nach einem gemütlichen Abendessen mit ihrer Freundin Olga auf dem Weg nach Hause und wollte gerade die Haustür aufsperren, als sie aus dem Innenhof einen dumpfen Fall hörte. Sie hielt den Atem an (es stank ja auch elendiglich nach frischem Urin) und schlich auf Zehenspitzen zur Kellertür. Als sie versuchte, die halbgeöffnete Türe ganz aufzuschieben, quietschte diese laut in den rostigen Angeln und Gloria schreckte zurück. Sie horchte. Es kam ihr vor, als ob sie leise, hastige Schritte aus dem Keller hörte, aber vielleicht war es auch nur ihr Herz, das ihr bis zu den Schläfen hinauf pochte.

Die matt beleuchtete Kellerstiege beschrieb eine enge Kurve nach links, so dass sie nur in ihrem oberen Teil einsehbar war. Gloria schob ihren Kopf vor, um wenigstens ein bisschen ums Eck zu sehen. Was sie sah, raubte ihr den Atem: Zwei verdrehte Beine, die in Turnschuhen mit grober Profilsohle steckten, lagen reglos auf der Stiege, die Zehen steil anch oben gerichtet. Die Hosen waren nach oben, also in diesem Fall nach unten gerutscht und gaben den Blick auf von der Sonne völlig ungebräunte, dünne, stark behaarte Waden frei. Gloria spürte, wie sie von Angst überwältigt wurde. „Nein, bitte nicht“, dachte sie zitternd, „ich darf jetzt nicht ohnmächtig werden. Ich darf auch nicht speiben oder schreien. Ich muss fortlaufen und Hilfe holen!“

Sie drehte sich langsam um, und in dem Augenblick, als die Hofeinfahrt erreichte und auf der Straße stand, entrang sich ein ersticktes Rufen ihrer Kehle: „Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!“ Der halberstickte Schrei sollte ihr Leben retten: Gloria würde nie erfahren, wie nah Ihr der Mann mit den Lederhandschuhen bereits auf den Fersen war.

Gerettet, aber mit Kopfweh

Sie legten Hias sachte auf die rote Ledercouch in Glorias Wohnzimmer und nun war Hochwürden aufgefordert, ein wenig eifersüchtig zu sein: Wie gerne wäre er einmal auf dieser Couch gelegen, zwar alles andere als ohnmächtig, aber gleichfalls umsorgt von Gloria. Vielleicht sogar mit ein wenig Mund-zuMund-Beatmung.

Gloria deckte Hias mit einer Decke zu und schob ihm ein Polster unter den Kopf, unbeschadet der Tatsache, dass man Ohnmächtige, noch dazu solche mit deutlich sichtbaren Anzeichen einer Schädelverletzung, anders lagern sollte. Während sie das Fenster öffnete und die Vorhänge vorzog, ging der Herr Pfarrer in die Küche, um ein feuchtes Geschirrtuch, ein paar Eiswürfel und ein Glas Wasser zu holen. Er zog die Küchentür hinter sich zu und in dem Augenblick, als er wieder ins Wohnzimmer kam, schob er seinen Blackberry unauffällig in die Tasche seines schwarzen Pfarrersakkos zurück.

Es dauerte einige Stunden, bis Hias wieder stöhnend zu sich kam. Er stöhnte, was wirklich kein Wunder war. Als er die Augen öffnete, sah er Gloria, was schon ein Wunder war! Locken, wunderschöne Wimpern, klassisches Hollywood-Näschen, die Wiedergeburt von Gloria Swanson! Aber er konnte keine rechte Freude an dem schönen Anblick finden, denn ihm wurde übel, und wenn Gloria nicht so schnell mit dem Mülleimer wieder aus der Küche zurückgesprungen wäre, hätte sie wohl einen neuen Teppich gebraucht.

Nach einer guten Stunde ging es ihm besser: Er saß, wenn auch noch recht verdattert, mit Gloria und Hochwürden am Küchentisch, einen improvisierten Verband um die Stirn und ließ sich die Geschichte seiner wundersamen Rettung erzählen: Nachdem ihn Gloria, die gerade nach Hause gehen wollte, auf der Kellerstiege gefunden hatte, lief sie schnurstracks ins Widum zum einzigen Verbündeten, der ihr in dieser Lage in den Sinn kam und holte Hochwürden, der es sich gerade mit einer Flasche Wein und seiner pummeligen Haushälterin bequem gemacht hatte, aus den Federn. „Hoppauf Hochwürden! Fleischliche Pflichten statt fleischlicher Genüsse – ein armer Mensch braucht dringend unsere Hilfe!“

Zu zweit hatten sie Hias rasch geborgen und in Sicherheit gebracht. Sie unterließen es, im Keller nachzusehen, ob sich der Übeltäter noch versteckt hielt, was ja durchaus verständlich war. Sie unterließen es aber auch, die Polizei zu verständigen. Und die Weigerung des Pfarrers, das zu tun war nicht ohne weiteres verständlich. Es sollte Gloria noch sehr leid tun, dass sie nicht selbst zum Telefon gegriffen hatte.

„Geht’s besser?“ fragte ihn Gloria. „Es geht schon, danke. Übrigens: Bist du, äh sind Sie, nein bist du Gloria?“ „Ja!“ Gloria war überrascht. „Und wer sind Sie, bis du? Dieser Hias etwa?“ Dieser Hias rieb sich ungläubig die Augen. Hatte sie auch eines über die Rübe bekommen? In diesem Augenblick fiel ihm ein, dass ihn Gloria ja nur als Bewusstlosen gekannt hatte. Bis zu dem Gedanken, dass Hochwürden Gloria schon über ihn berichtet hatte, dauerte es noch ein Welchen. „Was tun wir jetzt?“ fragte Gloria. „Abwarten und Wein trinken“, sprach Hochwürden. Hias sagte nichts. Er wollte nur heim. Heim nach Rafting, zu seinen Schafen, zu seinen Gästezimmern. Und zwar mit Gloria. Was soll so eine schöne Frau denn in der großen Stadt? Die hats ja am Land viel feiner. Hias dachte, und das muss man ihm zugute halten, nicht nur an Glorias offensichtliche Reize, sondern auch an ihre gleichfalls offensichtliche Geschicklichkeit, eine Wohnung sauber zu halten.

„Wir unternehmen jetzt einmal gar nichts.“ Hochwürdens Stimme klang sehr bestimmt. Und Morgen untersuchen wir den Keller. Und zwar tagsüber, zu
dritt. Da wird uns schon nichts passieren.“ Hias fragte sich, ob das nicht der Pfarrer alleine machen könnte, er hatte jetzt vor fremden Kellern mehr Angst als vor bekannten Zahnärzten. Aber er schwieg, er wollte seinen Heldenstatus bei Gloria nicht verlieren. Er stand langsam auf und legte sich wieder auf die Couch. Noch bevor ihn Gloria zugedeckt hatte, war er eingeschlafen.

Am nächsten Morgen weckte ihn Gloria mit einer Tasse duftenden Kaffes.
Hais öffnete die Augen und nachm die Tasse, in die einige von Glorias Locken hingen, mit einem zaghaften Lächeln in beide Hände. „Na, gut geschlafen?“ fragte Gloria lächelnd. „Geht’s uns wieder gut?“ Und wie es uns gut ging: Glorias hübsches Köpfchen vor seiner Nase,
beinahe keine Kopfschmerzen mehr und eine Tasse Kaffee in der Hand, der
diesen Namen auch verdiente: Heiß, stark, schwarz, süß.

„Lass dir den Kaffee schmecken“, sagte Gloria. Und gehen wir ins Widum.
dort gibt’s ein wahrhaft göttliches Frühstück! Und so war es auch: Das Frühstück, von der Pfarrköchin und ihrer verliebt dreinschauenden Tochter serviert, hätte einem Grand Hotel alle
Ehre gemacht.

„Ein Kreuz muss liegen!“, lachte Hochwürden und schob, während er das leere Weißbierglas auf den Tisch knallte, das große Kreuz, das ihm um den Hals hing, auf der üppigen Kugel unter seinem Habit hin und her.

„Und jetzt auf in die Unterwelt!“ Gloria lachte, und sie gingen im Gänsemarsch in durch den Hofeingang, in dem es noch immer nach Urin stank. Die Kellertüre war nur angelehnt und Hais stieß sie mit einem Ruck auf. Sie gingen langsam und vorsichtig die enge, gewundene Treppe nach unten, wobei sie sich bemühten, sehr hörbar zu sein, damit sie ja keinen Einbrecher oder wen auch sonst überraschten und dieser vielleicht aus Schreck zu einer anderen Waffe als zu einer simplen Eisenstange griff.

„Scheißdreck!“, stieß Hias hervor. „Tschuldigung!“ Hochwürden sah ihn belustigt an, Gloria erschrak. „Ich muss, ähh, … also ich muss wieder zurück, Ich mussa auf’s…“ „Du kannst ja die Hofeinfahrt nehmen, mein Sohn.“ Gute Priester haben immer einfache Lösungen. „Sicher nicht.“ Glorias Stimme klang seht bestimmt, es roch ja in der Hofeinfahrt noch immer nach Hias, wobei sie den Verursacher gottseidank nicht kannte. Dieser schwieg und stieg die Treppen zu Glorias Wohnung hoch. Nach ein paar Minuten ging die Untersuchung des Kellers weiter: Herr
Pfarrer nahm sich die Abteile auf der linken Seite des schmalen Ganges vor, Gloria die auf der echten und Hias, nun, Hias nahm sich Gloria vor: Er wich ihr nicht von der Seite. Am Ende des Kellers trafen die drei wieder zusammen und starrten auf den Boden. Zwischen ihnen, schon kaum mehr zu sehen, war ein dunkler Fleck.

Und dann sahen sie, dass eine Schleifspur in dem gestampften Erdboden den Gang entlang zur Treppe führte, genau in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Grloria erschrak und Hias beschloss, es ihr gleich zu tun. Das sollte er aber sofort bereuen. „Was ist los?“ sagte Hochwürden. „Erschrecken Schafbauern wirklich so leicht? Wie ihre Schafe?“ Hias wurde rot. Er merkte, dass er einen Fehler gemacht hatte, sein Heldenstatus, falls er in Glorias Augen jemals einen solchen besessen hatte, begann zu schwinden.

Der erste Schwimmer

Der Mann packte den leblosen Körper, den er in einen alten Teppich gewickelt hatte, scheinbar mühelos und hob ihn auf seine Schultern. Als er im Hof angekommen war, drückte er auf die Fernbedienung und mit einem leisen Surren öffnete sich die Heckklappe des weißen Volvo-Kombis.

Er schob den Wagen vorsichtig rückwärts in die St.-Nikolaus-Gasse hinaus und fuhr langsam auf die Bundesstraße hinunter, den Wahlhebel des Automatikgetriebes auf „D“ geschoben. Nach rechts, langsam Richtung Hötting und weiter nach Westen. Beim Kreisverkehr am Ende der breiten Allee zögerte er kurz, ihm war eingefallen, dass die Bundesstraße ja schon seit Monaten nicht mehr befahrbar war. Nach kurzem Zögern fuhr er auf die Autobahn und reihte sich in den Abendverkehr Richtung Westen ein. Er fuhr vorsichtig, hielt Abstand und fuhr dann bei Telfs Ost von der Autobahn ab. Langsam fuhr er zum Inn, merkte aber, dass es noch zu früh war und wendete, um auf der anderen Innseite beim großen Parkplatz am Bahnhof zu halten. Er stieg aus, zündete sich eine Zigarette an und wartete.

Als es endlich dämmrig geworden war, fuhr er wieder Richtung Innufer. Er sah sich aufmerksam um: Keine Radfahrer waren zu sehen, keine Spaziergänger und keine Jugendlichen, die vielleicht Lust auf ihren abendlichen Joint oder auf ihre ersten Erfahrungen im Reich dessen, was die Erwachsenen als Liebe bezeichnen, suchten.

Sachte, beinahe liebevoll ließ er die Leiche aus dem zerschlissenen Teppich gleiten. Er blickte noch einmal in das leblose Gesicht des jungen Mannes, der ihn aus seinen starren, weit geöffneten Augen vorwurfsvoll anzuschauen schien und dachte kurz: „Schade um die beiden Goldzähne!“. Leider waren ihm solche Zusatzgeschäfte strikt untersagt.

Die Leiche rutschte sachte ins gekräuselte Innwasser.
Brrr, kalt: aber das war dem jungen Mann, der nun wieder Richtung Innsbruck trieb, egal. Wäre er nicht so neugierig gewesen, müsste er jetzt nicht im Inn schwimmen.

„Jessas Marandjousef!“ Die überaus üppige steirische Bäurin, die mit ihrem überaus dürren Mann einen Kurzurlaub in Innsbruck verbrachte, starrte von der Innbrücke ins Wasser. „Taout! A Taouter!“ Vor Aufregung ließ sie einen der Kürbiskerne, an denen sie dauernd kaute, in ihr üppiges Dekolletè fallen. Der Kern hinterließ eine dünne kernölgrüne Spur, als er in den unendlichen Tiefen dieses ursteirischen Hügellandes verschwand. Ihr Gatte überlegte kurz, ob er traurig wäre, wenn seine Angetraute auch im Inn treiben würde, wurde aber in seinen Gedanken durch einen heftigen Stoß in die Rippen unterbrochen, den ihm ebendiese Gattin versetzte. „Schaou hehr, Jousef! Iatz houm s’eahm aoussezahrt!“

Jousef interessierte sich nicht besonders für Tote, er hatte schon in seiner Kindheit gesehen, was seine lieben Nachbarn nach der Ernte mit den russischen Zwangsarbeitern machten, nachdem die Kürbiskernernte gbgeschlossen war. Tote waren nichts Besonderes für ihn. Außer natürlich, wenn seine … er erhielt abermals einen Stoß, der ihm die Luft nahm: „Daou! Da blaeicherne Sourg -dou legns eam aeine!“

Die Polizisten legten den Toten in den Sarg, und der Einsatzleiter der Feuerwehr sagte zu ihrem Chef, der sich eifrig Notizen machte: „Der wird sich heimgedreht haben. Drogen oder Liebeskummer. Ist eh wurscht. Wir fahren wieder. Pfiatdi!“

Zur selben Zeit erklang in einem blechern klingenden Handylautsprecher „Solo Noi“ von Toto Cutugno.
„Figlio di puttana!“ Der elegante Herr im grauen Anzug machte aus seinem Ärger kein Hehl.
„Ich konnte nicht anders. Der Idiot ist mir in den Keller gefolgt und hat die Kisten mit dem …“ „Schweig“, zischte Francesco Macchiato. „Eine Türe kann man verschließen, du porca idiota, andate fanculo tuttiquanti!“

Das war sogar dem italienischen Mobilfunknetz, das wirklich allerhand gewohnt war, zu viel: Tuuut, Tuuut, Schweigen.
Francesco legte langsam sein Telefon auf den Tisch und blickte den dunkelhaarigen, großgewachsenen Mann, der ihm gegenüber saß, undurchdringlich an. Dann nickte er.
Untermutschlechner nickte auch. Er stand auf, nahm sein Jackett und verließ ohne ein weiteres Wort die kleine Stube des alten Wirtshauses im Zentrum von Klausen. Er ging über die Straße zu seinem schwarzen Alfa.

Der zweite Schwimmer

45 Minuten von Klausen nach Hötting, das war wirklich nicht schlecht. Außer für den Mann,, der nervös an seinen Lederhandschuhen kaute. Er wartete vor der Kirche, ging langsam auf und ab, rauchte eine Zigarette nach der anderen und bemerkte nicht, dass sich der Vorhang hinter einem der großen Widumsfenster wieder langsam schloss.

Als der Alfa ums Eck röhrte, warf er die Zigarette achtlos zu und ging zum Wagen. Der Fahrer beugte sich nach rechts und öffnete die Beifahrertür. Dann fuhr der Wagen langsam zur Bundesstraße und weiter nach Kranebitten. Der nervöse Beifahrer konnte das kalte Schweigen nicht länger ertragen.

„Mutschi! Sag doch etwas! Wir sind doch Freunde!“ Doch Mutschlechner schwieg und lenkte den Wagen über die Innbrücke nach Völs. Es war mittlerweile Nacht geworden und „Mutschi“, wie er von dem zusehends ängstlicher werden Mann mit den Lederhandschuhen beinahe flehentlich genannt wurde, steuerte, nachdem bis Roppen gefahren war, den Wagen zum Dortplatz. „Steig aus.“ Das waren die ersten Worte, die er sagte. Es klang so, als ob es überhaupt die ersten Worte waren, die er seit seiner Geburt sagte und als ob er sich zugleich für seine Geschwätzigkeit schämte.

Der Mann mit den Lederhandschuhen, von denen er während der langen, schweigenden Alfafahrt fast alle Fingerkuppen abgebissen hatte, löste den Sicherheitsgurt und sprang aus dem Wagen. Er zitterte am ganzen Körper und hatte das Gefühl, dass ihm das Innwasser schon bis zum Hals stand.

„Warum hast du die Kellertür nicht abgeschlossen?“ Mutschis Stimme klang hart und eiskalt, man konnte meinen, dass er Hagelkörner spuckte. „Ich, nun ja, also ich habe gedacht, dass ich …“ „Dein Job war nicht das Denken. Deine Aufgabe war es, die Dokumente aus dem Keller zu holen und nach Klausen zu bringen.“ „Ja, ja, ich hab sie übrigens bei mir. Alle! Hier, du kannst schauen.“

Er trat einen Schritt zurück und griff in die Innentasche seines Mantels. Als er die Hand wieder herauszog, hatte er eine Pistole in der Hand. Zitternd richtete er die Waffe auf Mutschlechner, der ungerührt an der Kühlerhaube seines Wagens lehnte. „So, du Halbwalscher!“ Seine Stimme klang schon ein bisschen mutiger. Es ist immer wieder überraschend, wieviel Mut manche Jänner gewinnen, wenn sie irgendeinen harten Gegenstand in der Hand halten. „Ich habe alles für euch in Innsbruck getan. Jahrelang. Und jetzt wollt ihr mir wegen einem Fehler das Fell über die Ohren ziehen? Nein, nicht mit mir!“ Er lachte höhnisch. Mutschi schnippte den qualmenden Zigarettenstummel auf den Boden. Dann ging er langsam auf den Mann mit den abgebissenen Lederhandschuhen zu. „Halt. Bleib stehen,“ sagte er, die Waffe in der ausgestreckten Hand aus Mutschis Kopf gerichtet.

Der griff langsam, fast wie in Zeitlupe in seine Manteltasche. Er zog sie wieder heraus und streckte die geschlossene Hand dem Mann hin. Dann öffnete er langsam die Hand.

Der Mann starrte auf die Patronen in Mutschlechners Hand. Dann drückte er ab: Klack, Klack, Klackklackklack.

Mutschi lächelte. Zumindest ihm schien es so, als ob er lächeln wurde, während er die Drahtschlinge, die er plötzlich in der Hand hielt, um seine geballten Fäuste wickelte und einen raschen Schritt auf den Mann mit den Lederhandschuhen und der entladenen Pistole zu machte.

Als er den noch zuckenden Körper des Mannes am Draht, der mittlerweile um seinen, genauer gesagt beinahe in seinen aufgequollenen Hals hineingeschlungen war, ins Gebüsch am Innufer zerrte, hörte er plötzlich ein Geräusch hinter sich. „Öha! Bsoffen?“ Der Radfahrer war abgestiegen und beobachtete interessiert einen Mann, der sich, halb im Ufergebüsch verborgen, über einen anderen, der reglos dalag, beugte.

„Und wie.“ sagte Mutschlechner und er musste all seine Freundlichkeit zusammennehmen. Acht Weizen und zwei halbe Wein“

„Respekt“. Der wie ein Papagei gekleidete Radfahrer nickte anerkennend und stieg wieder auf sein Fahrrad. „Brauchts eh koa Hilfe.“ „Nein, danke. Nüchtern muss er von selber werden.“

„Guat. Pfiateich“ Er stieß sich ab, klickte seine Pedale ein, fuhr langsam den Radweg zur Innbrücke hinunter und sollte nie erfahren, wie nah er seinem Tod gewesen war: Curiosity kills the Radfahrer! Mutschlechner wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Dann packte er entschlossen zu und rollte den Körper ins seichte Wasser. Als der Wagen langsam zur Mautstelle am Brenner rollte, löste sich der Körper vom dichten Gestrüpp am Ufer und begann langsam, fast zaghaft innabwärts zu schwimmen. Die abgebissenen Lederhandschuhe blieben am Ufer liegen.

Bravinger und Co

So, das wärs jetzt.“ Franz Bravinger lächelte zufrieden und schob seine schwarzlederne Schreibmappe in die braune Aktentasche, die er sich auf den Schoß gestellt hatte. Er lächelte in die Runde, die fast ausschließlich aus feinen, maßgeschneiderten Anzügen bestand, in der Männer verschiedenen Alters steckten: Zwei Dicke, ein kleiner dünner und drei unauffällige mit leicht leptosomen Zügen. Diese Runde war der Exekutivrat der „Gesellschaft für alpines Zusammenleben“ Diese Gesellschaft hatte es sich auf ihre Fahne geschrieben, für das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Zentralalpenraum zu sorgen. Da aber alle Bevölkerungsgruppen im Zentralalpenraum, sogar die Ötztaler, recht friedlich mit ihren Nachbarn zusammenlebten, hatte die feine Gesellschaft nicht allzu viel zu tun. Dies war auch durchaus in ihrem Sinne, bestand sie doch durchwegs aus ausrangierten Parteipolitikern und deren Familienmitgliedern, die man nicht einfach den Geiern auf dem freien Arbeitsmarkt zum Fraß vorwerfen konnte. Schließlich wollten sie fressen, nicht gefressen werden. Bravinger selbst, der den Vorsitz des tatenlosen Exekutivkomitees seit Jahren leitete, war in seiner aktiven Laufbahn Chef des Rechnungshofes gewesen und als solcher hatte er natürlich jahrzehntelang alle Hände voll damit zu tun gehabt, nichts zu tun. Nachdem er jedoch über ein halbbekleidetes, nahezu volljähriges Skandälchen mit blauen Augen und hochhackigen Schuhen gestolpert war, schien es im Sinne des allumfassenden Landesfriedens ratsam, ihn ein wenig aus der medialen Schusslinie zu nehmen. Und so wurde er schwupdiwupp Vorsitzender dieser Gesellschaft.

Die Herren erhoben sich, die einzige Frau in ihrer Runde, eine hübsche, dunkelhaarige Frau unklaren Alters mit einer ausgeprägten Hakennase, blieb sitzen. Bravinger schüttelte den Herren die Hände, wünschte dem einen alles Gute, dem nächsten schönen Urlaub und dem dritten den Tod an den Hals (natürlich schweigend und höflich lächelnd), während er auf die Dame zuging.

„Francesca, hast du noch eine Minute für mich Zeit?“ „Klar, Braverle. Gehen wir essen?“ Braverle nickte säuerlich. Er mochte diese Verballhornung seines Namens nicht besonders, konnte sich aber nicht dagegen wehren Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er bei seinem Vornamen angesprochen würde: Andreas. Das war ein Name, bei dem Pulverdampf und Heldenmut, Vaterlandsliebe und Schweißfüße mitklangen! Aber nein, alle Welt nannte ihn nur „Braverle“. Egal, er würde aller Welt schon noch zeigen, welcher Held wirklich hinter Braverles lächelnden Zügen hervorgrinste.

„Was soll denn das?“ zischte ihn Francesca an, kaum dass sie im „Il Walscho“, dem zur Zeit angesagtesten Italiener, Platz genommen hatten. „Wir hatten ihm doch klar und deutlich gesagt, dass er sich ruhig verhalten soll!“ Braverle hob beruhigend seine Hände zum Himmel. Zum Himmel, in dem sich sein heldenhafter Vorfahr jetzt dieselben über dem Kopf zusammenschlug.

„Es ist ja nichts passiert, Schnuckelchen. Er hat die Neugiernase schwimmen geschickt und dann hat ihn Mutschlechner schwimmen geschickt. Also ist alles in Ordnung.“ „Nichts ist in Ordnung, du Depp, gar nichts. Wir haben jetzt die Polizei am Hals, Mutschlechner meint, dass es in Innsbruck einen Zeugen gibt und dein Schnuckelchen bin ich schon lange nicht mehr.“ Rat mal, warum, dachte sich Braverle, wagte die rhetorische Frage aber nicht auszusprechen.

„Die Polizei weiß gar nichts, sie kann keinen Zusammenhang zwischen den beiden Leichen herstellen. Und das Gerede von einem Zeugen glaube ich auch nicht. Ach so, …“ Er hatte den Kellner ganz übersehen, der schon eine Weile bei ihnen zu stehen schien. „Für meine Frau die Schnecken, und ich nehm den gefüllten Gamsmagen.“ „Sehr wohl. Und zum trinken? Vielleicht einen feinen Roten, wir hätten ein paar feine Österr …“ „Nix da! Wir trinken Wein aus unserer Herzensheimat. Eine Flasche Morellino.“

Francesca nickte versonnen. „Herzensheimat“, das hat er schön gesagt. Obwohl ein neuer Herzbube auch nicht übel wäre.


*Die Liebe*

… ist ein seltsames Spiel“
Singen konnte Hias bei aller Wertschätzung seiner Person wirklich nicht. Gloria sah erstaunt zu ihm auf, während er, sich zum Takt der unsäglichen Conny Francis wiegte und mit voller Lautstärke voll falsch mit dem Song aus dem Küchenradio, den er auf volle Lautstärke gedreht hatte, voll um die Wette brüllte. „… sie kommt und geht von einem zum andern!“ Gloria hielt sich jetzt die Ohren zu, aber Hias schien von dieser Geste seiner Herzallerliebsten nicht sonderlich beeindruckt. „… Sie nimmt uns alles, doch sie gibt auch viel zu viel.“ „Ruhe!“ Glorias Stimme klang zorniger, zugleich aber viel sinnlicher als die der Conny Francis. „… Die Liebe …“ Schweigen: Hias stand mit offenem Mund und halbvollen Lungen mitten in der Stille, die durch Glorias Schlag auf den kleinen Radioapparat entstenden war. „Sei still, Hias, sonst zeig ich dir, dass die Liebe wirklich ein seltsames Spiel sein kann!“ „Du bist ja eine wunderbare Frau, aber für Kunst hast du kein Verständnis.“ Er schmollte.„Kunst? Wenn das Kunst ist, dann fress ich einen Besen!. Schubert, das ist Kunst, Mahler und von mir aus Led Zeppelin. Aber Conny Francis?“ Ihre Stimme klang verächtlich. Hias beschloss, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Zumindest jetzt nicht.

Vor zwei Stunden hatte ihn Gloria zum Abendessen eingeladen und er tanzte vor Freude durch seinen Schafstall, nachdem er das Telefonat mit ihr beendet hatte. Seine armen Tiere stoben durcheinander, als ob der Wolf unter sie gekommen war und als er sein Leitschaf, das – no na – Daisy hieß, umarmte und ihm einen lauten Schmatz auf die feuchte Schnauze drückte, fürchteten die Schafe bereits das Schlimmste: „Bääähh, ein neues Rezept, für das er ganz viele von uns braucht!“

Das Essen, Gloria tischte ihm Coque au vin auf, war vorzüglich und als sie später bei einem Joint und einem rauchigen Whiskey auf der Couch saßen, auf der er vor einigen Tagen noch halb bewusstlos zwischengelagert wurde, schien die Welt überaus in Ordnung zu sein. Hias brummte zufrieden und lächelte seine Gastgeberin an.

„Ein bisschen Musik?“, fragte Gloria, setzte aber gleich hinzu: „Aber bitte nicht von dir“.
„Gerne Gloria. Aber lass uns doch bitte noch rasch die Abendnachrichten anschauen. Das ist jetzt nicht übertrieben romantisch, aber ich bins halt gewohnt.“ „Schau an, da haben wir ja eine Gemeinsamkeit!“ Während sich Hias genüsslich vorstellte, welche Gemeinsamkeiten zwischen Gloria und ihm noch bestehen könnten, hatte sie den Fernseher bereits eingeschaltet.

Sie setzte sich wieder neben Hias, der sein Glas hob und sie anlächelte: „Prost Gloria, auf deine famosen Kochkünste!“ „Waschen und putzen kann ich auch“, antwortete sie und beinahe hätte er die feine Ironie erkannt, die in ihrer Stimme schwang.

Plötzlich wurde Hias aus seinen Überlegungen, wie er am besten in Glorias Schlafzimmer gelangen konnte, gerissen: Der Sprecher verkündete mit ernster Stimme und gelverklebten Haaren, dass heute nachmittag in Innsbruck eine unbekannte Leiche aus dem Inn gefischt worden war.

„Die Ermittlungen der Polizei sind noch im Gange, wir schalten in die Polizeidirektion zum leitenden Ermittler Inspektor Schäferhundinger. Herr Inspektor, welche Ergebnisse haben ihre Ermittlungen bisher gezeitigt?“ „Nun, nach den uns vorliegenden Erkenntnissen können wir davon ausgehen, dass die verstorbene Leiche männlich, jüngeren Alters und gut gekleidet ist. Wir wissen weiters, dass der Ort ihres Todes wahrscheinlich nicht mit dem ihres Auffindens identisch ist. Es wurden Erdspuren entdeckt, welche auf einen lehmigen Boden, wie er z.B. in Kellern an der, äääh, Tagesordnung sein kann, hinweisen. Wir gehen deshalb davon aus, dass wir …“ „Heißt das, dass der unbekannte Tote woanders zu Tode gekommen ist?“ Der Reporter unterbrach den Beamten auf sprachlich durchaus vergleichbarem Niveau. „Das würde ja heißen, dass es sich hierbei um Mord handelt! In Innsbruck!“ Seine Gelfrisur bebte vor Freude. Schäferhundinger blieb unbeeindruckt: „Wir gehen deshalb davon aus, dass wir davon ausgehen, dass es weitere intensive Ermittlungen von unsererseits braucht und haben auch von der Staatsanwaltschaft einen eindeutigen Ermittlungsauftrag erhalten.“ „In welche Richtungen ermitteln Sie?“ fragte die Gelfrisur. „Wir ermitteln derzeit in alle Richtungen.“

„Auch nach Norden?“ dachte sich Gloria und blickte zu Hias, der wie gebannt auf den Plasmabildschirm starrte. „Hast du gehört?“, fragte er sie: „Spuren eines lehmigen Kellerbodens? Das gibt’s doch gar nicht!“ Plötzlich sprang er auf und griff nach seinem Telefon. „Wir müssen die Polizei anrufen! Die Hilferufe, der Keller, der Überfall auf mich – und jetzt die Leiche!“ Er hatte gerade die drei Ziffern des Notrufs gewählt und wollte auf die grüne Taste drücken, als sich Gloria zu ihm beugte und ihm das Telefon sachte aus der zitternden Hand nahm. „Du willst die Feuerwehr anrufen?“, fragte sie lächelnd nach einem Blick auf den Bildschirm des Handys. „Bist du immer so nervös, wenns einmal richtig zur Sache geht?“

Die glorreichen Sieben

Francesca war die letzte, die in den dunklen Saal im hinteren Teil des noblen

„Klausnerwirts“ in – richtig: Klausen! – kam. Sie nahm an der Stirnseite der Tafel Platz und blickte prüfend in die Runde. Alle waren gekommen: Giuseppe Canofalscho, Spediteur in Bozen, Manfredo Vollgaso, der ehemalige Rennfahrer aus Trient, Don Frommo, der einflussreiche Regionalleiter des norditalienischen Departements der „Fratelli della Corpore Petri“, Umberto Müll, der deutschstämmige Abfallentsorger aus der Lombardei, Mutschlechner, der stille Mann für alles, und natürlich Braverle.

„Der Scheißer käme sogar noch als Leiche, weil er sich so vor mir fürchtet“, dachte sich Francesca und verzog ihre Lippen zu einem kaum merklichen spöttischen Grinsen.

„Wir sind eine schöne Gesellschaft.“ begann Francesca und in ihrer Stimme war nichts, aber auch wirklich nichts Weibliches, Italienisches oder sonst wie Charmantes zu hören. „Meine sieben Ritter …“

„Eine heilige Wirtshausrunde!“ unterbrach sie Braverle, dessen Lächeln unter dem scharfen Blick Francescas augenblicklich verschwand. Er bekam rote Ohren und senkte den Kopf.

„Wie ihr wisst, haben wir in Innsbruck ein Problem: Ein junger Mann erlangte durch die Unvorsichtigkeit unseres Dieners, ich meine natürlich unseres gewesenen Dieners Kenntnis unseres Archivs. Unser Diener war also gezwungen, den Mann zu entsorgen, bevor dieser den Inhalt unserer umfangreichen Dokumentation und vielleicht noch mehr unter die Nase bekam.“

„Cazzo il mio culo! Das wäre ja noch schöner!“ Vollgaso, der für sein aufbrausendes Temperament bekannt war, schlug mit der Hand auf den Tisch. „Die Arbeit von Jahrzehnten wäre zum Teufel. Und wir, wir würden weiterhin in einer ‚Europaregion` dahinvegetieren anstatt in Freiheit und Einheit zu leben Ma Dai!“

„Jawohl – Einheit statt Zweiheit!“ Don Frommo hatte sich erhoben und streckte seine Hände zum Himmel. „Dieses geschundene Land gehört endlich wieder unter einem Dach vereint, so wie unsere Kirche, in nomini et filii et …“

„Amen. Setzen“ Francescas Stimme war leise, aber scharf. Don Frommo und der Rennfahrer nahmen hastig auf ihren klobigen Stühlen Platz und Francesca fuhr fort:

„Damit war klar, dass wir uns auf unseren Diener nicht mehr länger verlassen konnten. Ich habe mich daher auf unseren Bruder Mutschlechner verlassen, der dafür sorgte, dass wir von unserem Diener verlassen wurden. Und darauf können wir uns jetzt wirklich verlassen. Hab vielen Dank.“

Ein kurzes Zucken brachte Mutschlechners linke Wimper in Bewegung, er blieb aber ansonsten völlig regungslos und blickte in den Raum, ohne jemand anzusehen. Bei diesem Blick fühlten sich alle unwohl, auch Francesca achtete dann stets darauf, dass sie nicht länger als unbedingt notwendig mit Mutschlechner allein war. „Wir müssen uns also jetzt einen sicheren Platz für unser Archiv suchen. Und jemanden, der es gut bewacht. Wer hat eine Idee?“

„Wir lagern das Archiv bei mir. Niemand käme je auf die Idee, in einer Müllfabrik zu suchen.“ Umberto Müll blickte aufmunternd in die Runde. „Ich stelle einen Container in die Halle, in der wir die Tierkörper verwerten.“

Bravinger blickte ihn angeekelt an und Canofalscho wurde grün im Gesicht.

„Natürlich einen klimatisierten!“ Müll lachte.

„Einen klimatisierten was?“ fragte Frommo mit gar nicht frommem Blick.

„Einen Container natürlich!“ rief Müll und klatschte laut in die Hände: Diese Dinger spielen ja alle Stückerln: Vollklimatisiert, mit eigener Sauerstoffversorgung, Kommunikationstechnik vom Feinsten und von außen schauen die Dinger aus wie eine verrottete Leichenhalle für Hunde und Meerschweinchen. Dort wird nie jemand nach irgendetwas suchen.“ Er freute sich sichtlich.

„Gut. Das machen wir so.“ Francesca ließ keine Diskussion aufkommen. „Mutschlechner, du fährst mit Bravinger nach Innsbruck und ihr organisiert die rasche und unauffällige Transferierung des Archivs nach Varese. Morgen früh.“

Bravinger war über die bevorstehende Autofahrt mit dem rasenden Killer nicht erfreut, er hätte es sich lieber mit Francesa gemütlich gemacht.

Doch Francesca hatte andere Pläne. Nach dem Abendessen, als es zum allgemeinen Aufbruch kam und der knorrige Wirt den langen Tisch abräumte, ging sie auf Don Frommo zu und sagte leise zu ihm: „Hochwürden, ich glaube, ich brauche heute Abend geistlichen Beistand. Am besten, Sie sagen Ihrem Fahrer, dass er sie zu mir nach Rovereto bringen soll, weil ich Ihnen noch einen alten Folianten, den ich kürzlich in diesem grässlichen Internet ersteigert habe, zeigen möchte.“ Sie lächelte kurz und in dem Augenblick, als sie sich den anderen zuwandte um sie zu verabschieden, lächelte der Kirchenmann und rieb sich genüsslich sein dickes Kinn.

Na endlich

„Ich mag dich. Wirklich!“ Hias redete flehentlich auf Gloria ein, als ihm diese klarmachte, dass sein Nachtlager auf der Couch war und nicht in ihrem Wohnzimmer. „Ich weiß ja Hias. Und ich mag dich auch. Sehr sogar!“ Glorias Stimme klang freundlich, ein wenig zu freundlich. Sie klang genau so wie die Stimme einer Frau, die einen Mann ohne allzu große Kränkungen loswerden will, der gerade flehentlich und beinahe hündisch auf sie einredet, um sie doch noch auf die Matratze zu bringen. Alle Frauen dieser Welt können mit einer solchen Stimme sprechen. Und alle Männer dieser Welt kennen diese Stimme.

Aber wie alle anderen Männer dieser Welt wollte auch Hias die schreckliche Wahrheit, die da lautete: „Eigentlich schon, aber nicht heute, vielleicht auch nicht mit dir, obwohl du irgendwie eh ganz nett bist“, nicht wahrhaben: Mit dem traurigsten Schafbauernblick, zu dem er fähig war, blickte er seiner rothaarigen Göttin in die Augen (wohin der den ganzen Abend lang nicht allzu oft geschaut hatte) und sagte: „Bitte! Lass mich heute nicht allein! Ich hab dich ja so gern!“ „Du kannst mich auch gern haben“, dachte Gloria, aber sie sagte ganz sanft: „Es ist einfach zu schnell für mich. Gib uns noch ein bisschen Zeit. Wir müssen ja nicht schon am Anfang alles niederreißen.“

Hias wollte freilicht nicht alles nieder- sondern lediglich Glorias Kleider von ihrem Leib reißen. Er dachte kurz daran, das auch zu tun, verwarf diesen Gedanken aber gleich wieder und schmollte ein bisschen. Gloria fuhr ihm zärtlich durch seine struppigen Haare. „Sei nicht böse, Hias, ich hab dich ja auch lieb. Es ist nur so, dass ich …“ Sie war dankbar für seine Unterbrechung „Ja, ja, ich verstehe. Du magst mich nur als Bewusstlosen, den du bemuttern kannst. Kaum bin ich wieder fit und aktiv, wird ich schon uninteressant. Es ist immer das Gleiche mit euch Frauen: Ihr braucht jemand zum Bemuttern und keinen Tiger!“

Glorias Mundwinkel zuckten, sie musste sich auf die Zunge beißen um bei dem Gedanken, dass Hias höchstens ein Schafbock sein könnte, nicht laut loszulachen. Von wegen Tiger! Da machte Hias etwas sehr Gemeines: Er stand von der Couch auf, kniete sich vor Gloria nieder und begann ihr ganz sachte, die Füße und die Unterschenkel zu massieren. Er gab sich große Mühe, stets im Bereich unterhalb ihrer schönen Knie zu bleiben und nicht immer schneller und schneller über ihre makellose Haut zu reiben. Er hatte das vor Jahren in einem Schundroman gelesen: Langsames Streicheln führt am schnellsten zum Ziel. Gloria schloss die Augen und lehnte sich langsam zurück. Seine Hände brachten sie zum Kribbeln und sie fühlte, wie etwas Feines, Warmes in ihr hochstieg, etwas, das sie liebte und zugleich nicht mochte, zumindest nicht heute. Nicht jetzt. Oder vielleicht doch.

Sie setzte sich mit einem Ruck auf und packte Hias bei den Haaren. „Ja, Hias. Ja doch. Komm!“ Und so wurde für Hias ein Traum wahr, der auch für Gloria einer war. Wir alle kennen die Geschichte dieses Traumes. Oder wir würden sie gerne kennen: Zwanzig Finger, die sich auf die Suche nach etwas machen, das sie in jedem Augenblick ihrer Suche finden, zwei heiße Zungen, die sich eine neue, langersehnte Welt erschmecken, zwei bebende, miteinander im größten Ernst der Welt, der Liebe, spielende Körper, Haare, die auf fremder und doch so vertrauter nasser Haut kleben, und dann: Das donnernde Crescendo!

Cuore Sportivo

„Bääähh! Bääähh!“

„Was habt ihr denn?“

„Du magst uns nicht mehr. Mit dieser Menschin, die uns wahrscheinlich gerne isst, liegst du in einem Bett!“ jammerten seine Schafe.

„Warst du schon einmal über Nacht in unsrem Stall? Nur ein einziges Mal?“ Das waren bittere Vorwürfe, und sie trafen sein Schafbauernherz schwer.

„Die hat ja nicht einmal ein Fell. Wenigstens fast keins.“ Jetzt wurden sie aber persönlich, seine Schafe.

„Wir haben nur dich. Wir haben dir immer vertraut! Bääähh. Bääähh“

Hias konnte das Jammern seiner eifersüchtigen Schafe nicht mehr länger ertragen. Er hielt sich die Ohren zu, schüttelte ohnmächtig den Kopf und versuchte, die Tiere zu beruhigen:

„Es ist ja alles ganz anders, als ihr denkt! Freilich hab ich euch noch immer lieb. Ich hab euch zum Fress…“ Das hätte er besser nicht gesagt.

Mit einem gewaltigen Kopfstoß warf ihn Daisy, das Leitschaf, zu Boden und die ganze Herde trampelte über ihn hinweg. Hias war kaum dazu in der Lage, seinen Kopf und andere, für Gloria möglicher Weise noch wichtigere Körperteile vor den harten Hufen zu schützen. Als die Herde über ihn hinweggetrampelt war, setzte er sich stöhnend auf. Sein ganzer Körper schmerzte und er war völlig zerschunden. Da sah er voll Schrecken, dass die mörderischen Tiere, deren Augen jetzt durch rot leuchtende Lampen ersetzt waren, kehrt machten und wieder auf ihn zustürmten. Halb ohnmächtig stand er auf und humpelte so rasch er konnte ins Haus. Er konnte die Türe nicht mehr ganz hinter sich schließen, aber durch den schmalen Spalt, den die durch seinen Fuß blockierten Tür offen ließ, konnten die blutrünstigen Schafe nicht eindringen. Die Tür bebte unter der Wucht ihrer Kopfstöße. Mit den Fingern schaffte es Hias, die Maschinenpistole vom Garderobehaken zu nehmen. Hastig lud er durch.

Dann machte er entschlossen einen Schritt zurück, die Kalaschnikow an der Hüfte im Anschlag. Die Tür flog auf und in dem Augenblick, als Hias den Finger am Abzug krümmte, erwachte er in Glorias Armen.

„Was hast du denn geträumt, mein Schatz?“ Sie lächelte ihn an, und dieses Lächeln war das Schönste, was Hias in seinem ganzen Leben widerfahren war. Na gut, das Zweitschönste auf jeden Fall.

„Du hast ja richtig geschrien! Und völlig verschwitzt bist du auch!“

„Nicht vom Träumen, mein Sonnenschein!“ Er lächelte sie an, ein wenig matt, aber glücklich seinem furchtbaren Traum entronnen und voll Lust auf ein Frühstück mit Gloria, auf eine warme Dusche mit Gloria und auf Gloria natürlich auch.

„Ich mach uns ein feines Frühstück.“ Sie schien seine Gedanken zu erraten, wenigstens die meisten. „Und du holst uns bitte frisches Brot aus der Bäckerei vorn an der Kreuzung.“

Hias zog sich an und ging rasch hinaus auf die Straße. Er sog die frische Luft ein, piff vergnügt „Squeeze me Baby …“ von Led Zeppelin vor sich hin und wäre fast mit Hochwürden zusammengestoßen, der gerade aus der Bäckerei getreten war.

„Guten Morgen mein Sohn!“ Seine Stimme klang belustigt. „So fröhlich wie du sind nur Menschen, die gerade schwer gesündigt haben.“

Hias wurde rot.

„Egal, nicht jede Sünde ist eine Sünde. Und grüß mir Gloria. Schönen Tag!“

Hias starrte Hochwürdenm mit offenem Mund an und machte einen Schritt auf ihn zu. Hochwürden lächelte.

„Du weißt, wie das fromme Liedchen auf deinen Lippen weiter geht: ,… till the juice runs down my legs’“

In diesem Augenblick hörten sie quietschende Reifen und das zornige Dröhnen eines großvolumigen Motors, der mit zu viel Zwischengas in einen niederen Gang gezwungen wurde. Sie machten hastig einen Schritt zurück und starrten in den schwarzen Alfa 159, der an ihnen vorbei raste und sich schlingernd, aber unvermindert schnell Richtung Weiherburg entfernte. In dem Wagen saßen zwei Männer, der Fahrer rtug einen Sonnenbrille, die seine knochige, ungefähr dreieinhalb Meter weit vorstehende Hakennase betonte.

„Ich hab den Wagen heute schon einmal gesehen“. Hochwürden murmelte vor sich hin und verabschiedete sich rasch von Hias, der sich wieder auf den Weg zu Gloria machte.

„Herrschaftsseiten! Jesus, der Fisch und Brot herbeizaubern kann, bist du keiner. Du musst vorher in der Bäckerei einkaufen. Sonst ist aus mit Glorias Lächeln!“ Hochwürden hatte sich umgedreht und grinste Hias an, der sich an den verliebten Kopf griff, einen Dank murmelte und rasch kehrt machte.

Während Hias frisches Brot und vor sich hin grinsend auch zwei Schaumrollen erstand, machte sich Hochwürden eilends auf den Weg ins Widum. Er eilte in sein Büro und schloss die Tür hinter sich ab, nachdem er seiner verdutzt dreinschauenden Haushälterin zugerufen hatte: „Ich muss dringend skypen, mit dem lieben Gott persönlich!“

Es war erstaunlich, dass nicht einmal ein Gotttesmann erkennen konnte, wer sich mit einem leisen „Pronto“ meldete, kaum dass er seinen Blackberry ans Ohr gedrückt hatte: Der Teufel persönlich.


Kein echter Teufel trägt Prada

„Gott zum Gruß, liebe Frau Untermutschlechner!“ Hochwürdens Stimme dröhnte fröhlich.
„Ihnen auch einen Gruß zum Gott, ääh einen Gott zum Gruß, Herr Hohe Würde.“ Frau Untermutschlechners Deutsch war vom Schwung und von der Eleganz der italienischen Sprache durchaus befruchtet.
„Aber für Ihnen mi ciamo Maria, Herr Pfarrer!“
„Ach ja, meine Tochter. Das hatte ich schon ganz vergessen. Hab vielen Dank.“
„Was kann ich für Ihnen tun? Wie gehte es Ihnen?“
„Einiges kannst du für mich tun, du lüsterne walsche Schlampe“, dachte sich Hochwürden, sagte aber mit christlicher Nächstenliebe in der Stimme: „Ich denke, wir sollten uns wieder einmal sprechen, meine Liebe. Es geht darum, dass wir unsere gute Sache nun endlich weiterführen und zu einem guten Ende bringen sollten. Und dein Mann, der gute Mutschi hat sicher auch großes Interesse daran, Es geht ja schließlich um das Wohl der Heiligen Mutter Kirche und etlicher ihrer Schäfchen.“ „Und ihrer Schweinchen“, aber das blieb natürlich auch im Reich der frommen priesterlichen Gedanken verborgen.
„Aber claro! Ich würde Ihn, aah Ihnen auch wieder gerne einmal zu Gesicht sehen!“ Maria freute sich und Hochwürden wurde bei dem Gedanken, dass „Sie“ „Ihn“ zu Gesicht bekommen wollte, ganz heiß um denselben.
„Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie nächste Woche zu mir nach St. Nikolaus kommen könnten.“
„Aber mit überaus gerne, Herr Padre! Nur ist meine Mann gerade auf einem Reisegeschäft in den näheren Osten und kommt in drei oder so Wochen. Zurück. Danne kommen wir Ihnen gleich zu besuchen und machen nageln mit Köpfe, wie Sie immer sagen!“
Hochwürden brauchte nun rasch eine kalte Dusche, um das kopflastige Nageln mit der heiligen Maria halbwegs aus seinem mittlerweile knallroten Bluzer zu bekommen.
„Gut, meine Tochter. Dann grüß mir deinen Mann recht herzlich und lass es dir gut gehen. Gott segne dich!“
„Et cum corpore spirito tuo“ Maria senkte fromm das Haupt, als sie das Telefon auf den Tisch legte. Sie drückte ihr Gesicht fest in ihre kalten Hände und verharrte einige Minuten regungslos. Als sie schließlich aufblickte, spielte ein diabolisches Lächeln um ihre Lippen. Um die Lippen Marias, die nun nicht mehr Maria Untermutschlechner, sondern wieder Francesca war. Sie stand rasch auf, ging ins Schlafzimmer und entschied sich nach kurzem Blick in ihren Kleiderschrank für das indigoblaue knöchellange Gewand mit den neongrünen Tupfen, dass ihr ihre Haushälterin nach einem eigenen Entwurf geschneidert hatte. Es war wohl das einzige Damenkleid der Welt, dass neben einer eingenähten Rasierklinge im Saum und einem Mikrofon und einer Minikamera in der breiten Bordüre noch Platz für einen kleinkalibrigen Revolver bot. Und für eine ganze Batterie Präservative.

Francesca hatte an alles gedacht. Und dennoch einen Fehler begangen.

Miss Marple, Mike Hammer und Hercule Poriot

„Guten Morgen, meine Herren. Und meine Herrinnen.“ Die Stimme von
Inspektor Schäferhundinger dröhnte in dem kahlen Sitzungssaal im dritten
Stock der Bundespolizeidirektion Kaiserjägerstraße in Innsbruck. Draußen
raste ein Folgetornhon mit rasch tiefer werdendem Klang vorbei,
skandiert von „Ole! Oleoleole!“-Rufen.

Schäferhundinger blickte streng in die Runde. Er hatte seine
Sonnenbrille abgenommen und den Trenchcoat lässig über die Lehne des
nächsten Sessels geworfen. Gebannt sah er dem Mantel dabei zu, wie er
langsam, aber unaufhaltsam Richtung Boden rutschte.

„Wir haben“, begann er, nachdem sich die anderen Beamten gesetzt hatten,
„Also wir haben zwei Tote. Die Leichen sind nicht dort gestorben, wo sie
aufgefunden wurden, nämlich im Inn.“ Das heißt, dass wir es hier
möglicher Weise mit einer Mordserie zu tun haben.“

„Oder auch nicht.“ Das war die Polizeireporterin Tina, intern Miss
Marple genannt. Nicht wegen ihre Alters, sondern wegen ihres Talents,
alle zunächst offensichtlichen Tatsachen in Frage zu stellen. Manchmal
sogar das Wetter.

„Genau. Oder auch nicht“, bestätigte Schäferhundinger.

Die anderen Beamten sahen sich ratlos an. War es nun eine Mordserie oder
nicht?

„Auf jeden Fall ermitteln wir in alle Richtungen außer flussabwärts.“

Die anderen Beamten nickten anerkennend: Ihr Chef war ein scharfsinniger
Analytiker, er hatte gleich erkannt, dass Tote nicht flussaufwärts
schwimmen.

„Aber eine Frage bitte.“ Miss Marple schien langsam in Fahrt zu kommen.

„Ja bitte?“

„Was ist, denn die verstorbenen Leichen flussabwärts zu Tode kamen und
dann flussaufwärts verbracht wurden?“

„Das scheint aus komplizierten Gründen nicht sehr plausibel zu sein.“

„Achso. danke.“

„Ich danke auch.“ Schäferhundinger stand auf und schloss die
Besprechung. „Haben wir noch Fragen?“

Einer der anderen Beamten zeigte auf.

„Ja bitte. Fragen Sie Ihre Frage.“ Schäferhundinger war stolz auf seinen
teamorientierten Führungsstil.

„Was sollen wir jetzt tun?“

„Na was wohl? Ermitteln. Und zwar rasch. Husch, Husch!“ Er hob einen
Mantel vom Boden auf, scheuchte die anderen Beamten aus dem Sitzungssaal
in ihre Büros und hoffte inständig, dass ihnen zum Thema „Ermittlung“
etwas einfallen würde.

„Also komisch ist das schon.“ Tina Marple war mit Schäferhundinger am
Tisch sitzen geblieben.

„Natürlich ist das komisch: Auf dem Speisezettel steht, dass es heute
Kalbsragout gibt und dann serviert die Kantine Gemüselaibchen mit
Dillsauce. Bin ich Vegatarianer?“

„Nein, äh ich glaube nicht, aber ich habe das mit den beiden Toten
gemeint.“ Ihre hübschen langen Wimpern bebten. Hoffentlich fielen sie
nicht auf den Tisch.

„Das ist auch komisch: Zwei mußmaßliche Morde, von denen wir nichts
weiter wissen, als dass sie geschehen sind, weil ja die Toten der
ultimative Beweis dafür sind. Ich kombiniere, dass da ein Zusammenhang
besteht, oder auch nicht, was ich jedoch kaum für sehr wahrscheinlich
halte. Mögen Sie Gemüselaibchen?“

Das Gute hat es immer schwer

„… wenn es unter die schlechten Menschen gebracht werden soll.“ Francesca war aufgestanden und hatte langsam zu sprechen begonnen, nachdem sie ihre Unterlagen genau an der Maserung des klobigen Holztisches im Hinterzimmer des „Klausnerwirtes“ ausgerichtet hatte.

„Deshalb möchte ich, auch wenn wir alle wissen und spüren, warum wir hier zusammen sind, unseren Plan nochmals vor unserem geistigen Auge aufrollen. Das hilft uns, die Übersicht zu behalten und es hilft uns auch, unseren Glauben an unsere heilige Sache zu stärken und uns wieder ins Gedächtnis zu rufen, wofür wir arbeiten: Für ein geeintes Tirol!“

Sie machte eine kurze Pause und blickte in die Gesichter ihrer sieben Mitstreiter. Bei allen konnte sie die Begeisterung erkennen, die sie einst zusammengeführt hatte, auch wenn der eine oder andere im Laufe der letzten Jahre manchmal zweifelte, ob das, wofür sie kämpften und wofür sie nicht nur all ihre Fähigkeiten und ihre Kraft, sondern auch ihr Geld einsetzten, nicht doch bloß ein leeres Hirngespinst war, das die Farben Tirols trug.

„Also: Es gibt zwei Dinge, die uns einen: Das eine ist die Schlechtigkeit der Welt, in der wir leben. Und das Zweite ist unser Wissen darüber, wie wir diese Welt wieder zu einer guten Welt machen können, zu einer Welt, in der unsere Kinder und Kindeskinder in Frieden aufwachsen können. Dies gute Welt kennt keine Grenzen in ihrem Inneren, sie kennt keine falsche europäische Vielfalt und sie kennt nur eine Sprache: Die herrliche italienische Sprache, die als einzige von Gott dazu ausersehen wurde, den Geist des alten römischen Reiches, das aus den Trümmern Griechenlands entstanden ist und das alles Wissen der Menschheit zusammengefasst und so glorreich überhöht hat, weiter zu tragen. In eine Zukunft, in der die Sonne der Weisheit, des Guten und Reinheit über uns Menschen strahlt und in der Tirol wieder die Rolle einnehmen kann, die ihm vom Geist der Vorsehung zugedacht wurde:

Das geeinte Land inmitten des Kontinents wird ein leuchtendes Herz sein, das seine Nachbarn befruchten kann, das seinen Einwohnern Glück und Friede und Reichtum bringen wird und das ,,,“

Francesca, die sich in Rage geredet hatte, machte eine kurze Pause.

„Wir haben uns vor Jahren zusammengefunden, weil wir zur Erkenntnis gelangt sind, dass diese Europaregion, die unsere verrotteten und von Brüssel korrumpierten Politiker herbeireden wollen und die doch nur ein hohles, leeres, gleichmacherisches Wort ist, unserem Land nie gerecht werden kann. Verstümmelt ist dieses Tirol, zerrissen zwischen einem schleimigen, rückgratlosen Österreich und einem Italien, das nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

Oh Weh! Oh Schmerz, unsere Heimat, die der Kern des ganzen Kontinents ist und das einzig auserwählte Land obendrein, dieses Tirol liegt darnieder: Von wandernden Touristenhorden überschwemmt, von gleichmacherischen Funktionären der gierigen europäischen Einheitsdoktrin vorgeworfen, müssen wir mitansehen, wie diese stolze Heimat stolzer Menschen zur Karikatur verkommt, zur Kulisse mit steilen Bergen und grünen Almen. Jodelnde Ostdeutsche, fette Wienerinnen in karierten Fetzen, die sie als Trachten bezeichnen, Motorräder und Campingmobile drücken unserer Herzensheimat den brennenden Stempel des ‚Urlaubsparadieses’ ins schmerzende Fleisch.

Doch genug der Klagen! Das gottgewollte Italien wird unserem Tirol genau den Nährboden geben, den ihm Österreich so lange vorgegaukelt und Europa jahrelang vorenthalten hat. Du, Tirol, bist das Glück, welches das Reich des ewigen Italien wieder auferstehen lässt: Uno Tirolo! Uno Tirolo! Uno Tirolo!“

Ihre Stimme überschlug sich beinahe. Die sieben Verschwörer waren aufgesprungen und skandierten gemeinsam mit Francesca ihren Schlachtruf, während sie den kriegerischen Rhythmus laut auf den großen Wirtshaustisch trommelten: Uno Tirolo! Uno Tirolo! Uno Tirolo!

Die Lippen der Verschwörer bebten, ihre Augen waren weit aufgerissen und ihre Schauzbärte, soweit vorhanden, zitterten. Das Trommeln auf dem Tisch wurde immer lauter: Sie hatten ihre Schuhe ausgezogen und schlugen mit den Absätzen auf die Tischplatte.

Da konnte sich Francesca nicht mehr halten: Sie stieg auf ihren Sessel, stützte sich auf Braverles Schulter und fand sich plötzlich von ihm und Canofalscho auf den Tisch gehoben, auf dem sie ihren Hexentanz inmitten der vierzehn Schuhe, die den Takt schlugen, zu tanzen begann: Zuerst langsam, dann, angetrieben vom immer schneller werdenden Stakkato der Absätze, immer rascher. Ihre Stimme wurde schriller und schriller und als sie das letzte „Uno Tirolo!“ hervorgestoßen hatte und der Takt so rasend schnell geworden war, dass nur noch ein gleichförmiges lautes Trommeln zu hören war, brach sie mitten auf dem Tisch zusammen.

Der Gottesdienst für das geeinte Tirol unter der Herrschaft Italiens war zu Ende.

Hätterätä

„Good times, bad times, you know I had my share!“ brüllte Robert Plant aus Hias‘ Mobiltelefon. Er
brachte den polternden Blondinen mit einem festen Druck auf die Sprechtaste zum Schweigen.

„Hallo mein Schatz, wie gehts dir denn?“
„Danke, gut, flötete Gloria. „Ich sitze mit einem Martini am Balkon und lass mir die Sonne auf den
Bauch scheinen.“
„Das klingt gut, solange der Martini hinten ein ‚i’ dranhat“
„Du bist ja eifersüchtig, Hias!“ Gloria lachte. „Und machst du gerade?“

Hias zögerte, er spürte, dass es uncool war, Gloria zu erzählen, dass er beim Ausziehen des zweiten
Gummistiefels vor der Stalltür ausgerutscht und mitsamt des mit Schafscheiße randvoll gefüllten
Schubkarrens umgefallen war. Er saß gerade mitten in der Bescherung und stank wie ein Schaf.
„Ich, äähh, ich bin gerade im Stall fertig geworden und stehe schon vor der Dusche.“

„Lügenbold!“ Glorias Stimme klang streng. „Du hockst in einem Haufen Scheiße am Boden und
suchst deinen zweiten Gummistiefel.“
„Äähh, nein, ja! Woher weißt du, dass …??“ Er blickte sich ratlos um.

Als er sich wieder umdrehte, stand Gloria vor ihm, das Mobiltelefon in der einen und den
verdreckten Gummistiefel in der anderen Hand. Sie sah ihn verliebt an.

Nachdem sie sich unter der Dusche gegenseitig den Rücken gebürstet hatten, saßen sie beide mit
nassen Haaren in der Küche, Hias entfachte ein Feuer im Kochherd und drückte Gloria eine Tasse
Rum mit Tee in die Hand. Er schenkte sich einen ordentlichen Schluck Schnaps aus einer
Doppelliterflasche ein.
„Fein, dass du gekommen bist. Hättest aber auch anrufen können!“
„Hättest mich ja auch einladen können“, gab sie zurück.
„Hätterätä!“ Hias lachte.
„Komm“, sagte er. „Ich zeig dir mein Reich.“
„Aber gern, du König der Schafe!“

Er führte Gloria in den Stall und stellte ihr Daisy vor. Daisy rülpste und schenkte Gloria keine
Aufmerksamkeit.
Dann drehten sie eine Runde durch den Garten, Hias führte seinen Traktor, den alten Porsche,
System Hofherr & Schrantz, vor und wollte mit Gloria gerade wieder ins Haus zurück, als ihn diese
zurückhielt. Sie nahm seine Hand und blickte ihm tief in die Augen.
„ Wo ist das Heu?“ fragte sie.

Es dauerte eine Zeitlang, bis sie die letzten Halme aus ihren leuchtend roten Haaren gekämmt hatte.
Hias saß neben ihr am Rand der Badewanne und grinste wie ein kleines Kind, das gerade Ostern,
Weihnachten und Schulschluss auf einmal erlebt hatte.

„Wir könnten ein paar Tage mit wegfahren, wenn du möchtest“, sagte Gloria, während sie sie nach
vorne beugte, um ihre frei nach unten hängenden Haare mit einem giftgrünen Gummiband zu
bändigen.
„Das ist toll! Klar, wir können gleich packen.“ Hias freute sich noch ein bisschen mehr und er
dachte einen kurzen Augenblick daran, dass er vielleicht eines Tages vom Schicksal die Rechnung
für diese unglaubliche Menge an Glück präsentiert bekommen würde.

„Und deine Schafe? Wer kümmert sich um die?“ fragte Gloria.
„Kein Problem, das macht mein Nachbar, der Schweinigler Ivo. Ich helfe auch bei ihm aus, wenn er
wieder einmal drei Wochen lang nach Thailand verschwindet.“
„Wo möchtest du denn hin?“ In Glorias Stimme klang für Hias die Gewissheit mit, dass sie schon
genau wusste, wohin die Reise gehen sollte.
„Südtirol! Dort ists immer und überall schön“, antwortete er.
„Daran hab ich auch gedacht“, sagte Gloria. „Ich kenne da ein feines Restaurant: In Klausen …“

„… ist gut mausen!“


Essen, trinken, treten

Hias hatte nach einem kurzen Telefonat mit seinem Nachbarn rasch gepackt und warf seine Reisetasche auf den Rücksitz von Glorias rotem Golf. Er setzte sich mit einem Stapel CD‘s auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu. Diese wurde aber von Gloria gleich wieder aufgerissen: „Du fährst.“ Hias sah sie mit großen Augen an: „Jawoll. Zu Befehl!“

Er startete und fuhr rückwärts aus dem Hof. Die Fahrt verlief, wenn wir von den vergeblichen Versuchen Hias‘ absehen, das Tempolimit auf der Brennerautobahn einzuhalten, ereignislos. Das wäre nicht so gewesen, wenn Hias den schwarzen Alfa im Rückspiegel bemerkt hätte, der ihnen seit der Auffahrt Innsbruck-Süd dauernd folgte. Weil dann hätte es wahrscheinlich ein Ereignis gegeben: Ein Mords-Ereignis sozusagen.

Bei Klausen fuhren sie von der Autobahn ab, in einem engen Bogen unter der Unterführung durch und bremsten quietschend vor der Mautstelle. Der Angestellte nahm die Mautkarte und blickte sie ausdruckslos an. „Zwoasäächzig.“ „Grüß Gott“, antwortete Hias. „Wieviel kostet‘s denn?“ „Zwoasäächzig.“ Hias blickte ihn fragend an und reichte einen Fünf Euro-Schein aus dem Fenster. Er erhielt zwoaviehrzig zurück und bedankte sich höflich. Der Angestellte starrte stumm vor sich hin. „Ein freundliches Wesen, gut, dass nicht alle Südtiroler so sind.“ Gloria lachte. „Nein, nein, manche sind offen feindselig. Dann gibt es die, die im Tourismus arbeiten, du erkennst sie an ihren vergeblichen Versuchen, Hochdeutsch zu sprechen. Und dann gibts auch noch die Netten. Die gibts ja überall.“

Sie fuhren ein Stück weiter und sahen auf einmal ein Schild „Hotel Bischofhof“. „Was meinst du?“ Hias blickte Gloria fragend an.
„Von mir aus Hauptsache die Schlutzkrapfen sind nicht verkocht.“ Die Schlutzkrapfen waren in der Tat nicht verkocht. Sie waren in den Händen eines Zwei-Hauben-Kochs gelandet.

Nach einem wunderbaren Abendessen flanierten die beiden Turteltäubchen Arm in Arm durch Klausens Altstadt. „Das ist ja wie Hötting. Nur schöner.“ „Du bist auch wie Hötting. Nur blöder.“ Hias schaute sie mit großen Augen an. „Aber warum, äh, was hab ich jetzt Falsches gesagt? In Hötting gibts alte Häuser und in Klausen gibts auch alte Häuser.“ „Aber in Hötting sind die alten Häuser gefährlicher: Leute schreien dort um Hilfe und Leute werden beinahe erschlagen. Hast du die Beule auf deinem Bluzer schon vergessen?“ „Aber wie könnte ich nur? Ohne Beule keine Ohnmacht, ohne Ohnmacht keine Gloria und ohne Gloria kein Klausen!“ Hias lachte und trat einen Schritt zur Seite, um dem schwarzen Alfa Platz zu machen, der im Schrittempo weiter durch die Altstadt rollte. Sie spazierten noch eine Weile durch das kleine Städchen und am Rückweg blieb Hias vor einem schönen, alten Gasthof stehen.

„Schau,“ sagte er zu Gloria, die sich bei ihm eingehängt hatte. „Walter von der Vogelweide. Vielleicht spielt er heute Abend.“
„Depp.“ Gloria lachte. „Aber auf ein Gläschen können wir ja zukehren, ich hab dich schließlich nicht als Abstinenzler kennengelernt“.

Das uralte Haus entpuppte sich als vormaliger mittelalterlicher Künstlertreff und diente seit Jahrhunderten ununterbrochen als Wirtshaus. Diese lange Tradition war der Kellnerin, die ihnen einen kleinen Tisch in der Kellerstube anwies, ins Gesicht geschrieben. „Wos kunn ich Iahnen brihngen?“ „Eine Halbe St. Magdalener bitte,“ antwortete Hias. „Und eine Kleinigkeit zum Knabbern“. Die Kleinigkeit zum Knabbern entpuppte sich als ein großer Haufen köstlichen Specks mit einem Korb voll Schüttelbrot. „Das ist ja wunderbar. Ich fühle mich hier so wohl, dass ich dir gar nicht sagen kann, wie!“ „Dann sags mir halt nicht“, gab Gloria schnippisch zurück. „Freust du dich über den Wein oder über mich?“ „Über den Speck, mein Schatz, über den …“

Er verstummte mit schmerzverzerrtem Gesicht, Glorias tritt gegen sein Schienbein war ein ungebremster Volltreffer. „… über den Speck an deinen Hüften, wollte ich sag …“ Und wieder verstummte er. Glorias Schuhspitze hatte sich hervorragend eingeschossen und er hielt es nun für das Klügste, den Schnabel zu halten, wenn er das Wirtshaus auf eigenen, halbwegs ganzen Beinen verlassen wollte. Nach einigen Minuten beschloss Gloria, nicht mehr beleidigt zu sein: „Was hältst du eigentlich von dem, was passiert ist?“ „Na, ganz einfach: Ich war frech und du hast mich getreten. Dann hab ich nochmals die Wahrheit
gesagt und du hast mich wieder …“ „Ich kann dich noch ein paar Mal treten, wenn du das willst, mein Schafbäuerlein. Gern auch woanders hin. Was ich meinte, sind die Ereignisse der letzten Tage.“„Ach so!“ Hias rieb sich mit der linken Hand den Kopf und mit der rechten das Schienbein. „Ich glaube, dass das alles ziemlich seltsam ist: Du hörst Schreie aus einem Keller, rufst mich aus Versehen an und ich krieg in eben dem Keller eines über die Birne. Auch aus Versehen?“ „Nein, das glaube ich nicht. Du hast jemanden gestört.“ „Aber wen denn? Wer sollte sich von mir im Keller gestört fühlen? Das klingt ja wie eine Verbrecherstory!“

„Vielleicht ist es das auch, Hias.“ Glorias Stimme klang ernst. „Verbrechen gibt es nicht nur im Fernsehen, …“ „ … sondern auch in der Zeitung. Und im Internet.“ Als Hias sah, wie Gloria ihre Augen zusammenkniff, setzte er rasch hinzu: „Vielleicht hast du ja Recht. Aber wir zwei in einer Verbrechergeschichte? Na, ich weiß nicht.“ „Vielleicht gehen wir nochmals alles, was passiert ist, Punkt für Punkt durch. „Wirklich alles? Auch das im Heu?“ Hias hätte nun wirklich einen neuen Tritt verdient, aber Gloria beschloss, das einstweilen zu verschieben. Sie streckte sich und dann beschrieb sie alles, was passiert war. Und wie gesagt: Punkt für Punkt. Hias schwieg. Aber, wie es so seine Art war, nicht allzu lange. Vielleicht ein, zwei Sekunden: „Scheißdreck. Entschuldige bitte, dass ich so unfreundlich bin, aber das heißt, dass wir etwas gesehen haben, ääh, dass es jemanden gibt, der meint, dass wir etwas gesehen haben, und für den wir jetzt gefährlich geworden sind?“ Er kratzte sich am Kopf und orderte bei der vierhundertjährigen Kellnerin noch einen halben Liter Wein. „Nicht wir haben etwas gesehen und nicht wir sind in Gefahr“. Glorias Stimme klang ruhig. „sondern du. Nur du, mein Schatz“. Hias schluckte. „Das heißt, dass ich, also dass du …“ „Richtig. Das heißt, dass ich mir über kurz oder lang, eher über kurz, einen neuen Schafbauern suchen muss. Du stehst auf irgendeiner Abschussliste. Es sei denn, …“. Gloria sprach nicht zu Ende. „Was sei es denn? Ääh, es sei denn was?“ Hias sah sie flehend an. Bei dem Gedanken, sich alleine mit einem bösen Verbrecher herumschlagen zu müssen, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. „Es sei denn, du überlässt mir das Kommando.“ „Aber klar! Du hast das Kommando doch schon die ganze Zeit, dann ändert sich ja für mich nichts!“ Er über Glorias Angebot dankbar. So dankbar, dass er insgeheim beschloss, nicht mehr frech zu sein und mit der Wahrheit sorgsam und verschwiegen umzugehen.

„Pass auf!“ Im selben Augenblick, als er Gloria zurückriss, schrie er auf. Gloria stolperte und brachte Hias am Straßenrand zu Fall. Der schwarze Alfa schoss haarscharf an ihren Füßen vorbei und verschwand röhrend und schlingernd hinter der Kurve. Hias setzte sich zitternd auf und nahm Gloria, die ihn mit aufgerissenen Augen anstarrte, in den Arm. „Putana! Das war knapp!“

„Danke mein Schatz. Danke“. Gloria sprach leise, mit bebender Stimme. „Das war Absicht. Der ist nicht nur so ins Schleudern gekommen. Der wollte uns …“ Sie sah Hias an und als er ihre schönen, langen, roten Haare vom Straßenschmutz befreite und aus dem Gesicht strich, brach sie in Tränen aus. Hias auch.

Die beiden Heulsusen hatten sich aber schon bald wieder beruhigt und so saßen sie wieder im Keller des alten Gasthofes, bestellten bei der alten Kellnerin eine Flasche alten Weins und sprachen über ihr altes Thema. Das eine so unerwartete Wendung genommen hatte. „Weißt du was?“ Hias klang schon wieder ein bisschen zuversichtlicher. „Wir stellen dem Alfa eine
Falle. Ich meine natürlich dem Alfa-Fahrer.“ „Klar, wir stellen uns mit einem Holzprügel in der Hand an den Straßenrand und wenn er vorbeifährt, schlagen wir ihm das Autodach, die Windschutzscheibe oder die Birne ein. Du bist ja wirklich ein ganz Gescheiter!“

„Jetzt fass dich wieder, Gloria! In Innsbruck warst du noch tapfer und jetzt in Klausen hast du die Hosen voll und weißt nicht mehr weiter. Wenn du mehr Krimis lesen würdest, dann wüsstest du, wie man einem Unbekannten an einem unbekannten Ort eine Falle stellt.“

„Eine unbekannte Falle?“ „Für ihn ja: Wir wissen, dass er weiß, dass wir hier sind. Also halten wir uns dort auf, wo er uns
nicht vermutet.“ „Und wo sollte das sein, Herr Poirot?“ „Bei ihm, Miss Marple. Ganz nah bei ihm.“ Gloria sah ihn mit großen Augen an. Dann schenkte sie beide Gläser voll, reichte ihm seines und sagte: „Du hast Recht, er denkt sicher nicht daran, dass wir das Gegenteil von Weglaufen planen. Auf dich, mein Detektiv!“ „Auf dich, mein Engel!“ „Charlie‘s Engel?“ „Hiasens Engel klingt leider nicht so cool.“ Gesagt, getan: Am nächsten Tag, als sie zuerst die ganze Stadt auf der Suche nach einem schwarzen Alfa abgegrast hatten und am Nachmittag in allen Dörfern und Weilern der Umgebung Nachschau gehalten hatten, erblickten sie, als sie langsam in die Stadt zurückführen, in der dritten Reihe des großen Parkplatzes den Alfa. Rabenschwarz.

„Das ist er!“ flüsterte Hias. Das heißt, er meinte, dass er flüsterte, denn Gloria hielt sich die Ohren zu und zischte: „Schrei nicht so laut!“

Zugriff

Hias blickte sich hektisch nach allen Richtungen um, bevor er sich langsam dem Wagen näherte. Und zwar ein bisschen von schräg hinten, um den toten Woinkel in den Rückspiegeln auszunutzen. Das hatte er im Fernsehen schon oft gesehen und er dachte sich, wenn das in Los Angeles funktioniert, dann wirds in Klausen auch nicht falsch sein. Gloria gab ihm derweilen Rückenschutz. Das tat sie, indem sie sich bebend vor Angst an seinen ebendiesen schmiegte.

„Da sitzt jemand im Wagen“, zischte Hias seinem Rückenschutz ins Ohr, der zurückzischte: „Pass bloß auf!“

„Du reißt die Tür auf, Gloria, und ich schnapp mir den Typen. Auf drei.“

„OK. Wer zählt?“

„Ich.“

„Warum du? Glaubst du, ich kann nicht bis drei zählen?“

Hias blieb die Luft weg. „Zickig sein kannst du später wieder,“ flüsterte er. „Jetzt sind wir in einer Actionszene und da kann man …“

Gloria stieß ihm in die Rippen und funkelte ihn böse an: „Erstens: Was heißt hier ‚zickig‘? Und zweitens: Was heißt ’schon wieder‘?“

„Meine Güte! Dann zähl halt du!“

„Jetzt mag ich nicht mehr.“ Gloria war beleidigt. Und das mitten in der Actionszene.

„Eins – zwei – drei – Feuer los!“ Hias zählte, und Gloria sprang zur Alfatür und Hias hinterher und dann ging alles ganz schnell: Die Tür des Wagens öffnete sich, aber nicht, weil sie von Gloria aufgerissen wurde, sondern weil die Fahrerin, eine grauhaarige Dame, diese rasch aufgestoßen hatte, zum Zwecke des schwungvollen Aussteigens nämlich. Hias und Gloria konnten ihre Schritte nicht mehr abbremsen und so stolperten beide über die pinkfarben beschuhten Füße der Dame und kamen in einer Pfütze neben dem noblen Gefährt zu liegen.

„Dat jiebts doch nich!“ Die Dame blickte auf die Bescherung zu ihren Füßen und hielt sich erschrocken die rechte Hand vor den Mund. „Hamse sich wehjetan?“

„Ich weiß nicht,“ antwortete Hias. Das dauert bei mir immer in bisschen, wissen Sie.“

„Wir haben uns nichts getan!“. Gloria war mit einem Rück aufgestanden und wandte sich der Alfafahrerin zu. „Es tut mir leid, wir sind einfach gelaufen und da ging die Tür Ihres Wagens auf, und dann …“

„Klar ging se uff, ick hab se doch uffjemacht. Und leid tuts mir och!“. Beide blickten auf Hias, der zwischen ihnen auf dem Boden kniete und sich sein Hinterteil rieb. „Tot scheint er nich zu sein.“

Die Damen halfen dem Helden wieder auf die Beine und dann wurde nochmals von allen dreien betont, wie leid es jedem täte und „Nasowat!“ und „Nasowas!“ und so weiter.

Die Alfafahrerin, eine pensionierte Lehrerin aus der brandenburgischen Kleinstadt Kargesloch, war auf einer Studienreise, um die „ollen Älpler mal in Echt zu sehen,“ wie sie sagte.

„Und da hab ick wohl ein tolles Pärchen erwischt. Quasi mit links!“

Gloria und Hias verschwiegen die peinliche Verwechslung einer Dame mit einem gefährlichen Alfaraser und Beinahemörder und verabschiedeten sich rasch.

„Das haben wir aber toll gemacht.“ Hias stapfte missmutig neben Gloria zurück in die Altstadt.

„Du hätest zumindest aufs Kennzeichen schauen können.“

Hias blieb stehen. „Das gibt’s doch nicht! Was heißt hier ‚Du‘? Du hättest auch darauf achten können!“

Gloria war auch stehen geblieben. Ihr Mundwinkel zuckten und dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Hias war fassungslos. Er starrte sie mit großen Augen an. Und er starrte noch etliche Sekunden, bis auch er prustend zu lachen begann. Er schüttelte Gloria bei den Schultern und lachte und lachte und Gloria küsste ihm die Lachtränen aus dem Gesicht und als sie sich endlich wieder ein bisschen beruhigt hatten gingen sie, immer noch vor kleinen Lachanfällen zitternd, eng umschlungen zurück ins Hotel.

Warum die beiden so lachten? Sie kannten ja die Kennzeichen des anderen Wagens nicht.

Als die beiden die Eingangstreppe des Hotels hinaufgingen, ließ Hias Gloria den Vortritt. Dann sprang er rasch ein par Schritte vor, riß die Tür auf, verbeugte sich und sagte: „Treten Sie ein, gefeierte Alfajägerin!“ Gloria nickte huldvoll, machte, schon in der Hotelhalle, einen Schritt zum Aufzug und wollte gerade den Knopf drücken, als Hias hinter ihr mit seltsam belegter Stimme sagte: „Do schau her!“


Komm Herr Jesus sein unser Gast

… und erwürg‘ das böse Gfrast!“ Hochwürden schlug ein Kreuz über dem Laptop, drückte „STRG“ und „S“ und klappte den Bildschirm nach unten. Er stand auf, streckte sich langsam und machte ein paar Schritte hin zum Fenster. Er hatte nun drei Stunden lang ununterbrochen getippt und seine Augen schmerzten. Seine Lungen auch, denn er war so konzentriert damit beschäftigt gewesen, sich einen Überblick über die ganze Situation zu verschaffen, dass er ganz auf seine Zigarren vergessen hatte.

Der Gottesmann steckte sich einen „Krummen Hund“ an und nahm genüsslich ein, zwei tiefe Züge. Dann öffnete er das Fenseter, stützte seine Ellbogen auf die Fensterbank und blickte in die Gasse vor dem Widum. Vor seinen Augen verschwamm die nachmittägliche Ruhe vor dem Haus mit den Bildern aus seiner Erinnerung – und aus seinen Befürchtungen:
Gloria hatte ihn vor einigen Tagen angerufen und ihm erzählt, dass sie mit Hias ein paar Tage nach Südtirol fahren wollte. „So ein lieber Kerl!“, hatte sie ihm von dem Schafbauern vorgeschwärmt. Seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört. Und jetzt begann er sich Sorgen zu machen. Diese Sorgen kreisten allerdings nicht nur um Gloria und um ihren Hias, sondern auch um die anderen Dinge, die ihn beschäftigten. Er hatte, seit vielen Jahren zum ersten Mal, Angst, dass ihm die Kontrolle über die Dinge entgleiten konnte, wenn er nicht auf der Hut war.

Also nahm er den Hut, seinen Blackberry und startete zu einem Spaziergang auf die Hungerburg. Die Schachtel mit den Zigarren hatte er bereits in der Tasche seines Habits untergebracht.

Auf der Straße war er sicher, dass ihn niemand abhören konnte, zu viele Störgeräusche. Er nahm seine Brombeere aus der Tasche, drückte ein paar Tasten und schob ihn wieder zurück, während er sich sein Bluetooth-Headset hinter das linke Ohr klemmte. Nun konnte er beide Hände wie zum frommen Gebet falten, während er an seiner Zigarre kaute und auf Francescas „Pronto?“ wartete. Dieses „Pronto!“, das von seinem Ohr ohne lästigen Umweg über das Gehirn und dessen eigenartige Instanzen direkt in jene Körperregionen drang, die vom Vatikan noch weiter entfernt waren als die Sonne von der Erde.

„Pronto? Ah, Hohe Würde in persönlich! Das ist aber eine große Freude für uns beide!“
Hochwürden, dem seine Würde, wie alles andere Konjuntivische auch, beim Gedanken an Francesca herzlich wurscht war, schluckte.
„Meine Lieben, ähh, meine Liebe! Ja, dich freu mich auch, deine Stimme zu hören.“ Dass seine Freude noch in erheblichem Ausmaß steigerungsfähig war, wusste Francesca natürlich. Als Italienerin war es in ihren Genen festgeschrieben: Ein Gottesmann auf der Matratze war der Gipfel der alpinen Fantasien aller Italienerinnen. Und mancher Italiener auch, aber das ist eine andere Geschichte.

„Was führt sie zu meinem Ohr? Was kann ich tun für Sie?“
„Lassen, meine Tochter, nicht tun. Du musst gar nichts tun, du musst mich nur lassen.“ Hochwürdens Antwort blieb natürlich auch diesmal wieder im Reich seiner frommen Gedanken hängen, seine ngesprochene Antwort war: „Ich hab eine Frage, liebe Francesca. Du kannst dich ja noch an die beiden jungen Leute erinnern, von denen ich dir erzählt habe.“
„Aber naturallmente! Gloria und ‚Iahs. Die beiden tauben Turteln.“
„Turteltauben, meine Liebe. Macht aber nix. Hören Sie zu: Die zwei sind vor einigen Tagen nach Südtirol gefahren und jetzt habe ich seit einigen Tagen nichts mehr gehört. Ich fange an, mir Sorgen zu machen, weil …“
„… Aber das ist reizend! Ein Priester macht sich sorgend um zwei Verleibte, ääh Verliebte! Herr Padre, Sie müssen wissen, die Liebe sucht sich manchmal ein wenig eine stille Umnachtung!“
Hochwürden war jetzt einer solchen ziemlich nahe, gottseidank ging er gerade an einer Bushaltestelle vorbei, und er konnte sich rasch auf die Sitzbank fallen lassen.