Alfons Parth – seit 1989 ununterbrochen Chef des Tourismusverband Paznaun-Ischgl – wendet sich mit einem offenen Brief an die Bevölkerung Tirols.

Kurzfassung:

  • Viel zu viele Unwissende reden im Tourismus mit
  • Politiker stehen Großprojekten im Weg
  • Die „Liftkaiser“ haben sehr wohl Ahnung von der Natur
  • Der moderne Wintersport benötigt Raum
  • Die Tirol Werbung ist nur Mittelmaß und schießt am eigentlichen Ziel vorbei

Auf Deutsch: „Gebt uns endlich den neuen Lift „Val Gronda“, um den wir nun seit 20 Jahren vergeblich kämpfen!“

Aber lest lieber selber:

Der Brief an Tirol: Dem Land Tirol die Treue

Dieses Lied wird in Deinem Land als die heimliche Landeshymne vergöttert. Hier gilt es aufzustehen, die Hand ans Herz zu legen und mitzusingen – auch wenn viele des Textes nicht ganz Herr sind.

So ist es wohl auch mit dem Bekenntnis zum Tourismus in Tirol. Er ist mit ausschlaggebend für unseren Wohlstand, besonders in den Tälern. Trotzdem kommt es mir vor wie beim Fußball: Alle sprechen fleißig mit, ob gefragt oder ungefragt, ob Experte oder Laie. In der Vergangenheit wurden von gewissen Politikern in Sonntagsreden gerne Versprechungen gemacht, Liftprojekte gelobt und Pisten geplant. Dies nicht oder eben gerade wohlwissend, dass dann ein naturschützenswertes Hindernis diese Versprechungen zunichte macht. Die Genehmigung für eine frühere Beschneiung oder die Erweiterung eines Golfplatzes bedeutet noch immer ein Spießrutenlaufen durch die Institutionen. Wir haben viele Geister gerufen, die uns und insbesondere der Politik jetzt im Wege sind und eine vernünftige Weiterentwicklung erschweren. Es wurden Denkpausen – Ski, Golf – für fünf Jahre ausgerufen. Nein danke! Das waren fünf verlorene Jahre.

Politik muss Rahmenbedingungen und Leitplanken setzen. Sie soll den Gestaltungswillen fördern und Hürden abbauen, statt neue aufzubauen. Und sie soll den Wohlstand der Bevölkerung sichern. Gerade Tirol als Tourismusland Nummer eins muss Trends vorgeben, Innovationen im Tourismus nicht nur zulassen, sondern eben fördern. Wir sind nicht die Einzigen, die am großen Tourismus-Kuchen satt werden möchten und müssen aufpassen, dass uns andere Länder nicht den Rang ablaufen und unsere Gäste anderswo eine attraktivere Infrastruktur für Ihren Urlaub finden.

parth

Ich möchte keinesfalls falsch verstanden werden: Unbestritten ist, dass wir für unsere Natur und Umwelt Sorge tragen müssen und dies auch wollen. Das wissen übrigens sogar die so oft geschimpften „Liftkaiser“. Leider verstehen die meisten Bewohner in den Ballungsräumen Tirols unsere Anliegen und den Tourismus nicht. Glaubt uns: Wir, die in den Tälern leben, sind uns bewusst, dass wir nur mit einer gesunden Natur unseren Geschäften erfolgreich nachgehen und unserer jungen Generation eine Zukunft bieten können. Das ist keineswegs ein Widerspruch. Studien zeigen, dass nur dort ein existenzsichernder Tourismus stattfindet, wo es funktionierende Seilbahngesellschaften gibt. Wir haben heute einen Komfort im Wintersport wie noch nie. Der moderne Schneesport mit seiner faszinierenden Vielfalt benötigt aber mehr Raum und dem müssen wir Rechnung tragen. Wer bei der Zukunftsplanung nur die grüne Brille aufsetzt, vergisst eines: Nachhaltigkeit hat stets auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Nachhaltiges Handeln bedeutet auch Arbeitsplätze sichern und neue Arbeitsplätze schaffen. Wo aber sind die Politiker, die neben der Umweltverträglichkeitsprüfung auch eine Wirtschaftsverträglichkeitsprüfung bei Gesetzen postulieren?

Handlungsbedarf herrscht bei der Vermarktung. Nach der Fusionierungsphase der Tourismusverbände wurde vergessen, die Tirol Werbung den neuen Anforderungen anzupassen. Die Tourismusverbände brauchen mehr Mitspracherecht und müssen in die Angebotsentwicklung eingebunden werden. Wer mit der Masse läuft, kann nicht Vorreiter für neue, kreative Angebote sein. Wir brauchen schrille und manchmal auch stille Attraktionen in allen Bereichen, um interessant zu bleiben. Vergleichen wir unsere Werbung mit weltweit agierenden Firmen. Da sind wir höchstens Mittelmaß. Umdenken und Querdenken ist gefragt. Wir müssen in die Köpfe der Konsumenten kommen und dort auch etwas auslösen. Wir brauchen in manchen Regionen einen Ganzjahrestourismus, um zu überleben. Und wir müssen den Mut haben, Innovationen zuzulassen, insbesondere in Bezug auf Architektur, Kunst und Kultur.

Dem Land Tirol die Treue – aber bitte offen, neugierig, mutig und innovativ.