Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte

Inhalt
Prolog
Ein verhängnisvoller Anruf

2 – Aber Herr Pfarrer!

Es wurde langsam dämmrig, als sich Hias nach einigen Gläsern Wein in der Altstadt über die Innbrücke nach St. Nikolaus aufmachte. Vor dem Kino blieb er stehen. „Schund und Sünde“ stand dort in großen Lettern zu lesen. Er überlegte kurz, sich den Film, der mit zwei Grammys ausgezeichnet wurde, anzusehen, ging dann aber doch weiter und setzte sich in eine Kebabbude. Er mochte Schafe nämlich in allen Varianten, nicht nur lebendig.
„Viele scharf?“, fragte der freundliche Schnauzbart hinter der Theke.
„Bissele viele“, antwortete Hias und hätte beinahe nachgesetzt: „Weil scharf bin ich selber!“

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Nachdem er gegessen hatte, machte er sich mit einer Dose Bier in der Hand auf den Weg in die St.-Nikolaus-Gasse. Er ging langsam, ein wenig unsicher. Aber es war nicht nur der Alkohol, der ihn zögern ließ. Was wäre, wenn ihm Gloria über den weg lief? Würde sie ihn für einen Spanner halten? Nein, Stalker heißt das, dachte Hias. Aber er beruhigte sich gleich wieder: Gloria konnte ja nicht wissen, wie er aussah.

Er ging die Gasse entlang und sah sich verstohlen um: Keine Gloria weit und breit. Er hörte sich auch um: Kein Hilferuf weit und breit. Von der Innstraße heulte eine Sirene herauf und ein Moped quälte sich lauthals Richtung Alpenzoo. Er setzte sich auf die Stufen vor der Kirche und drehte sich eine Zigarette.

„Fein ist’s heute, nicht?“
Er schreckte auf. Hinter ihm stand ein Mann, der aufgrund seiner typischen Arbeitskleidung unschwer als Priester zu erkennen war. Hias überlegte einen Augenblick, ob Hochwürden Ausschau nach Ministranten hielt, aber er verkniff sich diesen Gedanken rasch: Es laufen sicher noch genug anständige Pfarrer durch die Gegend.
„Ja, ja, fein. Richtig fein. Störe ich hier?“
Der Pfarrer lachte: „Mich nicht, und dem lieben Gott ist’s wurscht. Der würde sie höchstens um eine Zigarette bitten!“

Hias glaubte, er träume, aber zwei Minuten später saß Hochwürden neben ihm auf den Stufen, paffte genüsslich die selbstgedrehte, die er ihn angeboten hatte und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche mit der Aufschrift „Messwein. For holy use only“.
„Der wein ist ausgezeichnet. Ein 2007er St. Laurent aus dem Burgenland. Ich füll ihn immer in die gleiche Flasche. Aber sagen Sie, was führt Sie hierher, in die Koatlackn? Sie sind ja kein Innsbrucker, hab ich Recht“?
„Haben Sie, Herr Pfarrer. Ich bin Schafbauer in Rafting im Oberland, und ich bin hier, weil, na, …“ Er zögerte.
„Weil was? Weil Ihnen die Schafe davongelaufen sind? Das passiert mir dauernd!“ Hochwürden mutierte mit jedem Schluck Messwein ein bisschen mehr zum Scherzkeks.
„Na gut, Herr Pfarrer. Ich erzähl Ihnen die Geschichte, aber Sie dürfen icht lachen.“
Hias erzählte, und der Pfarrer hörte ihm aufmerksam zu. Als er abschließend Gloria beschrieb, besser gesagt, das Bild, das er von Gloria hatte, nickte Hochwürden:
„Ja, ja, die kenn ich gut. Eine tolle Frau. Das wäre eine Pfarrköch… Entschuldigung, jetzt hab ich Sie unterbrochen.“
„Sie kennen die Frau? Sie wohnt doch hier, gleich ums Eck, nicht wahr?“ Seine Frage klang beinahe flehentlich. Und ein bisschen trotzig auch, denn Hias stellte überrascht fest, dass er auf den Pfarrer ein beinahe eifersüchtig war.
„Natürlich. Gleich unten in der Gasse. Und Ihe Geschichte kenn ich übrigens auch. Sie hat mich nämlich, bevor sie die Polizei anrief, um Rat gefragt.“
„Das hat sie mir nicht gesagt.“
„Warum hätte sie auch? Heutzutage gibt niemand gern zu, dass er, oder in diesem Fall sie, einen Pfarrer um Rat fragt. Die Leute kommen haufenweise zu mir, aber immer ganz geheim. Manchmal fühl ich mich wie ein Puffvater, dem die Kundschaft alles anvertraut!“
Hias sah ihn an. Das könnte passen, dachte er: Die Glatze. Der Hans-Orsolic-Bart. Der Bauch.

Er verabschiedete sich bald vom Pfarrer und versprach, wiederzukommen, „… aber mit einem großen Stück Speck und einer Flasche Schnaps,“ lachte der Pfarrer, „denn wie heißt’s schon bei Wilhelm Busch: Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“

Fortsetzung folgt…