Innschwimmer 3 – Der Schlag

Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte


Was bisher geschah

Der Schlag

Als er die Gasse zurück ging, schwankte Hias bereits ein bisschen und er sah sich verstohlen nach einer dunklen Hauseinfahrt um: Öffentliche WC’s sind nämlich Mangelware, und wo keins ist, macht Mann sich halt eines. Schräg hinter ihm auf er anderen Straßenseite stand eine alte, doppelflügelige Holztür halb offen und ließ den Blick in eine Hofeinfahrt frei. Hias freute sich, als der warme Strahl der alten Wand entlang auf den Boden rann und dort eine kleine Pfütze bildete, genau zwischen seinen Schuhen.

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Er streckte sich genüsslich und hatte schon beinahe vergessen, warum er nach Innsbruck gefahren war, als er den Schrei hörte.
Wenn er nicht gerade Erleichterung gefunden hätte, würde er sich jetzt sicher ins Hemd brunzen, wie es so schön heißt.

Und nochmals: „Hilfe!“ und wieder: „Hilfe!“ Der Schrei klang irgendwie verhalten, beinahe ruhig und gar nicht panisch. Trotzdem rief hier jemand, es war nicht klar zu sagen ob Männlein oder Weiblein, um Hilfe. Und zwar aus dem Keller jenes Hauses, das Hias gerade markiert hatte.

Er konnte es kaum glauben: Alles, was ihm Gloria erzählt hatte, stimmt. Es ist Wirklichkeit! Keine Fantasie, keine Tagträume: eine Frau hatte ihn angerufen und ihm erzählt, dass in einem Innsbrucker Keller jemand um Hilfe rief. Und er stand nun vor diesem Haus. Also nix wie hinein in das Haus, dachte Hias und merkte erst in dem Moment, als er im Innenhof die halbgeöffnete Kellertüre sah, dass er vor Angst zitterte. Und er bemerkte es nur deshalb, weil das kalte Blech seiner halbleeren Bierdose auf seinen Zähnen Vibraphon spielte.

„Egal.“, dachte Hias, „auch ein Schafbauer kann ein Held sein!“ „Muss aber nicht!“ dachte er gleich darauf und war bereits drauf und dran, umzukehren, als er hinter der Kellertür einen schwachen Lichtschein bemerkte. Und nun ging es ihm wie den Männern von Lili Marleen: „… doch wenn sie verbrennen, nein dafür kann ich nicht!“

Hias verbrannte zwar nicht, aber er bemerkte den Schlag erst, als er, schon im Zubodengehen, sah, dass seine Füße auf einmal oberhalb seines Kopfes waren. Dann wurde es dunkel um ihn und ver versank in einem langen, tiefen Schlummer. In einen Schlummer, aus dem er nie wieder erwachen sollte, wenn es nach dem Mann ging, der die Eisenstange an seinen Lederhandschuhen abwischte, bevor er sie leise hinter der Kellertür abstellte. Der Mann ging zurück in den Keller, und wenn Hias nicht bewusstlos gewesen wäre, dann hätte er den verröchelnden Hilfeschrei bestimmt gehört, der mit einem dumpfen Fall auf den Erdboden endete.