Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte


Was bisher geschah

So, das wärs jetzt.“ Franz Bravinger lächelte zufrieden und schob seine schwarzlederne Schreibmappe in die braune Aktentasche, die er sich auf den Schoß gestellt hatte. Er lächelte in die Runde, die fast ausschließlich aus feinen, maßgeschneiderten Anzügen bestand, in der Männer verschiedenen Alters steckten: Zwei Dicke, ein kleiner dünner und drei unauffällige mit leicht leptosomen Zügen. Diese Runde war der Exekutivrat der „Gesellschaft für alpines Zusammenleben“ Diese Gesellschaft hatte es sich auf ihre Fahne geschrieben, für das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Zentralalpenraum zu sorgen. Da aber alle Bevölkerungsgruppen im Zentralalpenraum, sogar die Ötztaler, recht friedlich mit ihren Nachbarn zusammenlebten, hatte die feine Gesellschaft nicht allzu viel zu tun. Dies war auch durchaus in ihrem Sinne, bestand sie doch durchwegs aus ausrangierten Parteipolitikern und deren Familienmitgliedern, die man nicht einfach den Geiern auf dem freien Arbeitsmarkt zum Fraß vorwerfen konnte. Schließlich wollten sie fressen, nicht gefressen werden. Bravinger selbst, der den Vorsitz des tatenlosen Exekutivkomitees seit Jahren leitete, war in seiner aktiven Laufbahn Chef des Rechnungshofes gewesen und als solcher hatte er natürlich jahrzehntelang alle Hände voll damit zu tun gehabt, nichts zu tun. Nachdem er jedoch über ein halbbekleidetes, nahezu volljähriges Skandälchen mit blauen Augen und hochhackigen Schuhen gestolpert war, schien es im Sinne des allumfassenden Landesfriedens ratsam, ihn ein wenig aus der medialen Schusslinie zu nehmen. Und so wurde er schwupdiwupp Vorsitzender dieser Gesellschaft.

Die Herren erhoben sich, die einzige Frau in ihrer Runde, eine hübsche, dunkelhaarige Frau unklaren Alters mit einer ausgeprägten Hakennase, blieb sitzen. Bravinger schüttelte den Herren die Hände, wünschte dem einen alles Gute, dem nächsten schönen Urlaub und dem dritten den Tod an den Hals (natürlich schweigend und höflich lächelnd), während er auf die Dame zuging.

„Francesca, hast du noch eine Minute für mich Zeit?“ „Klar, Braverle. Gehen wir essen?“ Braverle nickte säuerlich. Er mochte diese Verballhornung seines Namens nicht besonders, konnte sich aber nicht dagegen wehren Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er bei seinem Vornamen angesprochen würde: Andreas. Das war ein Name, bei dem Pulverdampf und Heldenmut, Vaterlandsliebe und Schweißfüße mitklangen! Aber nein, alle Welt nannte ihn nur „Braverle“. Egal, er würde aller Welt schon noch zeigen, welcher Held wirklich hinter Braverles lächelnden Zügen hervorgrinste.

„Was soll denn das?“ zischte ihn Francesca an, kaum dass sie im „Il Walscho“, dem zur Zeit angesagtesten Italiener, Platz genommen hatten. „Wir hatten ihm doch klar und deutlich gesagt, dass er sich ruhig verhalten soll!“ Braverle hob beruhigend seine Hände zum Himmel. Zum Himmel, in dem sich sein heldenhafter Vorfahr jetzt dieselben über dem Kopf zusammenschlug.

„Es ist ja nichts passiert, Schnuckelchen. Er hat die Neugiernase schwimmen geschickt und dann hat ihn Mutschlechner schwimmen geschickt. Also ist alles in Ordnung.“ „Nichts ist in Ordnung, du Depp, gar nichts. Wir haben jetzt die Polizei am Hals, Mutschlechner meint, dass es in Innsbruck einen Zeugen gibt und dein Schnuckelchen bin ich schon lange nicht mehr.“ Rat mal, warum, dachte sich Braverle, wagte die rhetorische Frage aber nicht auszusprechen.

„Die Polizei weiß gar nichts, sie kann keinen Zusammenhang zwischen den beiden Leichen herstellen. Und das Gerede von einem Zeugen glaube ich auch nicht. Ach so, …“ Er hatte den Kellner ganz übersehen, der schon eine Weile bei ihnen zu stehen schien. „Für meine Frau die Schnecken, und ich nehm den gefüllten Gamsmagen.“ „Sehr wohl. Und zum trinken? Vielleicht einen feinen Roten, wir hätten ein paar feine Österr …“ „Nix da! Wir trinken Wein aus unserer Herzensheimat. Eine Flasche Morellino.“

Francesca nickte versonnen. „Herzensheimat“, das hat er schön gesagt. Obwohl ein neuer Herzbube auch nicht übel wäre.