Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte


Was bisher geschah

Der Mann packte den leblosen Körper, den er in einen alten Teppich gewickelt hatte, scheinbar mühelos und hob ihn auf seine Schultern. Als er im Hof angekommen war, drückte er auf die Fernbedienung und mit einem leisen Surren öffnete sich die Heckklappe des weißen Volvo-Kombis.

Er schob den Wagen vorsichtig rückwärts in die St.-Nikolaus-Gasse hinaus und fuhr langsam auf die Bundesstraße hinunter, den Wahlhebel des Automatikgetriebes auf „D“ geschoben. Nach rechts, langsam Richtung Hötting und weiter nach Westen. Beim Kreisverkehr am Ende der breiten Allee zögerte er kurz, ihm war eingefallen, dass die Bundesstraße ja schon seit Monaten nicht mehr befahrbar war. Nach kurzem Zögern fuhr er auf die Autobahn und reihte sich in den Abendverkehr Richtung Westen ein. Er fuhr vorsichtig, hielt Abstand und fuhr dann bei Telfs Ost von der Autobahn ab. Langsam fuhr er zum Inn, merkte aber, dass es noch zu früh war und wendete, um auf der anderen Innseite beim großen Parkplatz am Bahnhof zu halten. Er stieg aus, zündete sich eine Zigarette an und wartete.

Als es endlich dämmrig geworden war, fuhr er wieder Richtung Innufer. Er sah sich aufmerksam um: Keine Radfahrer waren zu sehen, keine Spaziergänger und keine Jugendlichen, die vielleicht Lust auf ihren abendlichen Joint oder auf ihre ersten Erfahrungen im Reich dessen, was die Erwachsenen als Liebe bezeichnen, suchten.

Sachte, beinahe liebevoll ließ er die Leiche aus dem zerschlissenen Teppich gleiten. Er blickte noch einmal in das leblose Gesicht des jungen Mannes, der ihn aus seinen starren, weit geöffneten Augen vorwurfsvoll anzuschauen schien und dachte kurz: „Schade um die beiden Goldzähne!“. Leider waren ihm solche Zusatzgeschäfte strikt untersagt.

Die Leiche rutschte sachte ins gekräuselte Innwasser.
Brrr, kalt: aber das war dem jungen Mann, der nun wieder Richtung Innsbruck trieb, egal. Wäre er nicht so neugierig gewesen, müsste er jetzt nicht im Inn schwimmen.

„Jessas Marandjousef!“ Die überaus üppige steirische Bäurin, die mit ihrem überaus dürren Mann einen Kurzurlaub in Innsbruck verbrachte, starrte von der Innbrücke ins Wasser. „Taout! A Taouter!“ Vor Aufregung ließ sie einen der Kürbiskerne, an denen sie dauernd kaute, in ihr üppiges Dekolletè fallen. Der Kern hinterließ eine dünne kernölgrüne Spur, als er in den unendlichen Tiefen dieses ursteirischen Hügellandes verschwand. Ihr Gatte überlegte kurz, ob er traurig wäre, wenn seine Angetraute auch im Inn treiben würde, wurde aber in seinen Gedanken durch einen heftigen Stoß in die Rippen unterbrochen, den ihm ebendiese Gattin versetzte. „Schaou hehr, Jousef! Iatz houm s’eahm aoussezahrt!“

Jousef interessierte sich nicht besonders für Tote, er hatte schon in seiner Kindheit gesehen, was seine lieben Nachbarn nach der Ernte mit den russischen Zwangsarbeitern machten, nachdem die Kürbiskernernte gbgeschlossen war. Tote waren nichts Besonderes für ihn. Außer natürlich, wenn seine … er erhielt abermals einen Stoß, der ihm die Luft nahm: „Daou! Da blaeicherne Sourg -dou legns eam aeine!“

Die Polizisten legten den Toten in den Sarg, und der Einsatzleiter der Feuerwehr sagte zu ihrem Chef, der sich eifrig Notizen machte: „Der wird sich heimgedreht haben. Drogen oder Liebeskummer. Ist eh wurscht. Wir fahren wieder. Pfiatdi!“

Zur selben Zeit erklang in einem blechern klingenden Handylautsprecher „Solo Noi“ von Toto Cutugno.
„Figlio di puttana!“ Der elegante Herr im grauen Anzug machte aus seinem Ärger kein Hehl.
„Ich konnte nicht anders. Der Idiot ist mir in den Keller gefolgt und hat die Kisten mit dem …“ „Schweig“, zischte Francesco Macchiato. „Eine Türe kann man verschließen, du porca idiota, andate fanculo tuttiquanti!“

Das war sogar dem italienischen Mobilfunknetz, das wirklich allerhand gewohnt war, zu viel: Tuuut, Tuuut, Schweigen.
Francesco legte langsam sein Telefon auf den Tisch und blickte den dunkelhaarigen, großgewachsenen Mann, der ihm gegenüber saß, undurchdringlich an. Dann nickte er.
Untermutschlechner nickte auch. Er stand auf, nahm sein Jackett und verließ ohne ein weiteres Wort die kleine Stube des alten Wirtshauses im Zentrum von Klausen. Er ging über die Straße zu seinem schwarzen Alfa.

Wir wissen ihr haltet es vor lauter Spannung nimma aus, aber es geht erst nächsten Dienstag weiter…..