Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte


Was bisher geschah

45 Minuten von Klausen nach Hötting, das war wirklich nicht schlecht. Außer für den Mann,, der nervös an seinen Lederhandschuhen kaute. Er wartete vor der Kirche, ging langsam auf und ab, rauchte eine Zigarette nach der anderen und bemerkte nicht, dass sich der Vorhang hinter einem der großen Widumsfenster wieder langsam schloss.

Als der Alfa ums Eck röhrte, warf er die Zigarette achtlos zu und ging zum Wagen. Der Fahrer beugte sich nach rechts und öffnete die Beifahrertür. Dann fuhr der Wagen langsam zur Bundesstraße und weiter nach Kranebitten. Der nervöse Beifahrer konnte das kalte Schweigen nicht länger ertragen.

„Mutschi! Sag doch etwas! Wir sind doch Freunde!“ Doch Mutschlechner schwieg und lenkte den Wagen über die Innbrücke nach Völs. Es war mittlerweile Nacht geworden und „Mutschi“, wie er von dem zusehends ängstlicher werden Mann mit den Lederhandschuhen beinahe flehentlich genannt wurde, steuerte, nachdem bis Roppen gefahren war, den Wagen zum Dortplatz. „Steig aus.“ Das waren die ersten Worte, die er sagte. Es klang so, als ob es überhaupt die ersten Worte waren, die er seit seiner Geburt sagte und als ob er sich zugleich für seine Geschwätzigkeit schämte.

Der Mann mit den Lederhandschuhen, von denen er während der langen, schweigenden Alfafahrt fast alle Fingerkuppen abgebissen hatte, löste den Sicherheitsgurt und sprang aus dem Wagen. Er zitterte am ganzen Körper und hatte das Gefühl, dass ihm das Innwasser schon bis zum Hals stand.

„Warum hast du die Kellertür nicht abgeschlossen?“ Mutschis Stimme klang hart und eiskalt, man konnte meinen, dass er Hagelkörner spuckte. „Ich, nun ja, also ich habe gedacht, dass ich …“ „Dein Job war nicht das Denken. Deine Aufgabe war es, die Dokumente aus dem Keller zu holen und nach Klausen zu bringen.“ „Ja, ja, ich hab sie übrigens bei mir. Alle! Hier, du kannst schauen.“

Er trat einen Schritt zurück und griff in die Innentasche seines Mantels. Als er die Hand wieder herauszog, hatte er eine Pistole in der Hand. Zitternd richtete er die Waffe auf Mutschlechner, der ungerührt an der Kühlerhaube seines Wagens lehnte. „So, du Halbwalscher!“ Seine Stimme klang schon ein bisschen mutiger. Es ist immer wieder überraschend, wieviel Mut manche Jänner gewinnen, wenn sie irgendeinen harten Gegenstand in der Hand halten. „Ich habe alles für euch in Innsbruck getan. Jahrelang. Und jetzt wollt ihr mir wegen einem Fehler das Fell über die Ohren ziehen? Nein, nicht mit mir!“ Er lachte höhnisch. Mutschi schnippte den qualmenden Zigarettenstummel auf den Boden. Dann ging er langsam auf den Mann mit den abgebissenen Lederhandschuhen zu. „Halt. Bleib stehen,“ sagte er, die Waffe in der ausgestreckten Hand aus Mutschis Kopf gerichtet.

Der griff langsam, fast wie in Zeitlupe in seine Manteltasche. Er zog sie wieder heraus und streckte die geschlossene Hand dem Mann hin. Dann öffnete er langsam die Hand.

Der Mann starrte auf die Patronen in Mutschlechners Hand. Dann drückte er ab: Klack, Klack, Klackklackklack.

Mutschi lächelte. Zumindest ihm schien es so, als ob er lächeln wurde, während er die Drahtschlinge, die er plötzlich in der Hand hielt, um seine geballten Fäuste wickelte und einen raschen Schritt auf den Mann mit den Lederhandschuhen und der entladenen Pistole zu machte.

Als er den noch zuckenden Körper des Mannes am Draht, der mittlerweile um seinen, genauer gesagt beinahe in seinen aufgequollenen Hals hineingeschlungen war, ins Gebüsch am Innufer zerrte, hörte er plötzlich ein Geräusch hinter sich. „Öha! Bsoffen?“ Der Radfahrer war abgestiegen und beobachtete interessiert einen Mann, der sich, halb im Ufergebüsch verborgen, über einen anderen, der reglos dalag, beugte.

„Und wie.“ sagte Mutschlechner und er musste all seine Freundlichkeit zusammennehmen. Acht Weizen und zwei halbe Wein“

„Respekt“. Der wie ein Papagei gekleidete Radfahrer nickte anerkennend und stieg wieder auf sein Fahrrad. „Brauchts eh koa Hilfe.“ „Nein, danke. Nüchtern muss er von selber werden.“

„Guat. Pfiateich“ Er stieß sich ab, klickte seine Pedale ein, fuhr langsam den Radweg zur Innbrücke hinunter und sollte nie erfahren, wie nah er seinem Tod gewesen war: Curiosity kills the Radfahrer! Mutschlechner wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Dann packte er entschlossen zu und rollte den Körper ins seichte Wasser. Als der Wagen langsam zur Mautstelle am Brenner rollte, löste sich der Körper vom dichten Gestrüpp am Ufer und begann langsam, fast zaghaft innabwärts zu schwimmen. Die abgebissenen Lederhandschuhe blieben am Ufer liegen.