Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte


Was bisher geschah

Francesca war die letzte, die in den dunklen Saal im hinteren Teil des noblen

„Klausnerwirts“ in – richtig: Klausen! – kam. Sie nahm an der Stirnseite der Tafel Platz und blickte prüfend in die Runde. Alle waren gekommen: Giuseppe Canofalscho, Spediteur in Bozen, Manfredo Vollgaso, der ehemalige Rennfahrer aus Trient, Don Frommo, der einflussreiche Regionalleiter des norditalienischen Departements der „Fratelli della Corpore Petri“, Umberto Müll, der deutschstämmige Abfallentsorger aus der Lombardei, Mutschlechner, der stille Mann für alles, und natürlich Braverle.

„Der Scheißer käme sogar noch als Leiche, weil er sich so vor mir fürchtet“, dachte sich Francesca und verzog ihre Lippen zu einem kaum merklichen spöttischen Grinsen.

„Wir sind eine schöne Gesellschaft.“ begann Francesca und in ihrer Stimme war nichts, aber auch wirklich nichts Weibliches, Italienisches oder sonst wie Charmantes zu hören. „Meine sieben Ritter …“

„Eine heilige Wirtshausrunde!“ unterbrach sie Braverle, dessen Lächeln unter dem scharfen Blick Francescas augenblicklich verschwand. Er bekam rote Ohren und senkte den Kopf.

„Wie ihr wisst, haben wir in Innsbruck ein Problem: Ein junger Mann erlangte durch die Unvorsichtigkeit unseres Dieners, ich meine natürlich unseres gewesenen Dieners Kenntnis unseres Archivs. Unser Diener war also gezwungen, den Mann zu entsorgen, bevor dieser den Inhalt unserer umfangreichen Dokumentation und vielleicht noch mehr unter die Nase bekam.“

„Cazzo il mio culo! Das wäre ja noch schöner!“ Vollgaso, der für sein aufbrausendes Temperament bekannt war, schlug mit der Hand auf den Tisch. „Die Arbeit von Jahrzehnten wäre zum Teufel. Und wir, wir würden weiterhin in einer ‚Europaregion` dahinvegetieren anstatt in Freiheit und Einheit zu leben Ma Dai!“

„Jawohl – Einheit statt Zweiheit!“ Don Frommo hatte sich erhoben und streckte seine Hände zum Himmel. „Dieses geschundene Land gehört endlich wieder unter einem Dach vereint, so wie unsere Kirche, in nomini et filii et …“

„Amen. Setzen“ Francescas Stimme war leise, aber scharf. Don Frommo und der Rennfahrer nahmen hastig auf ihren klobigen Stühlen Platz und Francesca fuhr fort:

„Damit war klar, dass wir uns auf unseren Diener nicht mehr länger verlassen konnten. Ich habe mich daher auf unseren Bruder Mutschlechner verlassen, der dafür sorgte, dass wir von unserem Diener verlassen wurden. Und darauf können wir uns jetzt wirklich verlassen. Hab vielen Dank.“

Ein kurzes Zucken brachte Mutschlechners linke Wimper in Bewegung, er blieb aber ansonsten völlig regungslos und blickte in den Raum, ohne jemand anzusehen. Bei diesem Blick fühlten sich alle unwohl, auch Francesca achtete dann stets darauf, dass sie nicht länger als unbedingt notwendig mit Mutschlechner allein war. „Wir müssen uns also jetzt einen sicheren Platz für unser Archiv suchen. Und jemanden, der es gut bewacht. Wer hat eine Idee?“

„Wir lagern das Archiv bei mir. Niemand käme je auf die Idee, in einer Müllfabrik zu suchen.“ Umberto Müll blickte aufmunternd in die Runde. „Ich stelle einen Container in die Halle, in der wir die Tierkörper verwerten.“

Bravinger blickte ihn angeekelt an und Canofalscho wurde grün im Gesicht.

„Natürlich einen klimatisierten!“ Müll lachte.

„Einen klimatisierten was?“ fragte Frommo mit gar nicht frommem Blick.

„Einen Container natürlich!“ rief Müll und klatschte laut in die Hände: Diese Dinger spielen ja alle Stückerln: Vollklimatisiert, mit eigener Sauerstoffversorgung, Kommunikationstechnik vom Feinsten und von außen schauen die Dinger aus wie eine verrottete Leichenhalle für Hunde und Meerschweinchen. Dort wird nie jemand nach irgendetwas suchen.“ Er freute sich sichtlich.

„Gut. Das machen wir so.“ Francesca ließ keine Diskussion aufkommen. „Mutschlechner, du fährst mit Bravinger nach Innsbruck und ihr organisiert die rasche und unauffällige Transferierung des Archivs nach Varese. Morgen früh.“

Bravinger war über die bevorstehende Autofahrt mit dem rasenden Killer nicht erfreut, er hätte es sich lieber mit Francesa gemütlich gemacht.

Doch Francesca hatte andere Pläne. Nach dem Abendessen, als es zum allgemeinen Aufbruch kam und der knorrige Wirt den langen Tisch abräumte, ging sie auf Don Frommo zu und sagte leise zu ihm: „Hochwürden, ich glaube, ich brauche heute Abend geistlichen Beistand. Am besten, Sie sagen Ihrem Fahrer, dass er sie zu mir nach Rovereto bringen soll, weil ich Ihnen noch einen alten Folianten, den ich kürzlich in diesem grässlichen Internet ersteigert habe, zeigen möchte.“ Sie lächelte kurz und in dem Augenblick, als sie sich den anderen zuwandte um sie zu verabschieden, lächelte der Kirchenmann und rieb sich genüsslich sein dickes Kinn.