Ein verhängnisvoller Anruf

„Haus Hias … äähh … Friedhelm. Haus Friedhelm“ Noch klang seine Stimme nicht so, dass sein Gesprächspartner viel auf einen fröhlichen, ausgeschlafenen Hias gewettet hätte.
„Verwählt“ sagte eine nicht minder verschlafene Stimme, die trotz der Tatsache, dass hier eine Frau sprach, nicht schlecht zum Klingelton seines Telefons passte. „Tschuldigung. Und guten Morgen. Auf Wiederhö …“
„Gut ist der Morgen nicht, hab ich den Eindruck“, unterbrach Hias die müde Frau. „Aber auch Ihnen einen guten Morgen.“
„Öha! Dann scheinen wir uns ja den gleichen Morgen zu teilen“, antwortete die Stimme. „Übrigens: Mein Name ist Gloria. Gloria Deti.“
„Gloria Dei?“
„Nein, Dei, nicht Deti. Äähh, umgekehrt, also ich heiße …“
„Ja wie heißen Eure Heiligkeit denn nun?“
„Deti. Deti!. Entschuldigen Sie, ich bin ein bisschen durcheinander heute morgen.“
„Das macht nix, Frau Deti. Warum sind Sie denn so durcheinander?“ Ihre Stimme gefiel Hias, und langsam entstand vor seinem geistigen Auge ein verschwommenes Bild seines telefonischen Gegenübers: Halblanges, gelocktes Haar, brünett, lange Wimpern, verführerischer Mund, tiefblaue Augen und eine Zigarettenspitze aus Elfenbein, die sie zwischen den behandschuhten Fingern drehte.
„Ach nichts! Eigentlich gar nichts.“
Schade. Er war mit seiner Frage zu weit gegangen und musste nun versuchen, die Situation, also das Gespräch zu retten.
„Ich wollte nicht neugierig sein, Frau Swanson, aber …“
„Swanson? Warum sagen Sie Frau Swanson zu mir? Das gibt’s doch nicht!“
Hias schluckte.
„Ahh, mir ist …, also ich bin …, nein: Bei Ihrem Vornamen hab ich gleich an Gloria Swanson gedacht!“
„Das gibt’s doch nicht!“ sagte Ihre Heiligkeit wieder. „Erst gestern hat mir ein alter Polizist auf dem Kommissariat gesagt, dass ich aussehe wie Gloria Swanson. Dabei hab ich von der noch nie etwas gehört!“
„So ein Zufall!“ Hias lachte. Da hat der Postbeamte aber guten Geschmack bewiesen.“
„Postbeamte? Ich war auf dem Kommissariat.“
„Ach ja. Klar. Wissen Sie, wahrscheinlich ist die Verbindung nicht die Beste“, sagte Hias rasch und dachte, dass eher seine Ohren nicht die Besten wären. „Was haben Sie auf dem Kommissariat zu tun?“ Schon wieder war er zu weit gegangen.
„Ach, wissen Sie, das ist eine komische Geschichte.“ sagte Gloria, die seine Neugier nicht zu stören schien. „Ich hab gestern abend geglaubt, dass im Nachbarhaus jemand aus dem Keller um Hilfe ruft. Aber da werde ich mich wohl getäuscht haben.!
„Im Keller? Um Hilfe rufen? Wer hat denn gerufen?“
„Das ist es ja eben: Wahrscheinlich niemand. Nachdem ich das erste Mal angerufen habe, ist eine Funkstreife gekommen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich ernst genommen werde. Und dann hab ich immer geglaubt, dass ich … Aber warum belästige ich Sie denn mit so was? Zuerst verwähle ich mich, und dann erzähl ich Ihnen meinen Schmarrn.“
„Nein! Nein!“ Hias floss fast über vor lauter Verständnis. „Das klingt ja … äähh… spannend. Jawohl: Echt spannend. Bitte erzählen Sie weiter!“
„Also: Ich wohne in der St. Nikolaus-Gasse in Hötting und hab gehört, dass jemand aus einem Keller um Hilfe schrie. Ich rief die Polizei an, wurde aber nicht sehr ernst genommen. Und jetzt wollte ich mich auf dem Kommissariat beschweren, hab mich aber verwählt und bin bei Ihnen gelandet. Rein telefonisch natürlich.“
„Toll.“
„Toll? Na, ich weiß nicht. Aber was soll’s. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Auf Wiederhören!“
„Auf Wiedersehen.“ antwortete Hias, unbeschadet der Tatsache, dass er durchs Telefon auch dann nicht allzu viel sehen würde, wenn er nicht verkatert wäre.

Er steckte das Telefon nachdenklich in die Hosentasche und machte sich an die Arbeit. Er begann damit, den Schafstall auszumisten, fütterte die Tiere und mistete dann die vier Gästezimmer aus, die von den holländischen Trunkenbolden, die seine letzten Gäste waren, in wüstem Zustand hinterlassen wurden.

Nach der Arbeit legte er sich auf die Couch und blätterte in der neuesten Ausgabe von „Du und dein Schaf“, dem unentbehrlichen Fachmagazin für Schafzüchter. Als er versuchte, sich vorzustellen, ob er eine Zeitschrift für abgehalfterte Zimmervermieter „Du und dein Gast“ herausgeben sollte, schlief er ein.
„Gloria?“ Hias schreckte auf. Er hatte doch tatsächlich geträumt, dass ihn die seltsame Anruferin geweckt hatte. Kopfschüttelnd, ging er in die Küche, stellte die Espressomaschine wieder auf die Herplatte und drehte sich eine Zigarette. Er setzte sich auf die Bank vor dem Haus, trank den brennend heißen, starken Kaffee und rauchte langsam und bedächtig. Dann ging er zurück ins Haus. Er hatte einen Entschluss gefasst.

Fortsetzung folgt…

Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte

Inhalt
Prolog
Ein verhängnisvoller Anruf