Was bisher geschah…

Hias hatte nach einem kurzen Telefonat mit seinem Nachbarn rasch gepackt und warf seine Reisetasche auf den Rücksitz von Glorias rotem Golf. Er setzte sich mit einem Stapel CD‘s auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu. Diese wurde aber von Gloria gleich wieder aufgerissen: „Du fährst.“ Hias sah sie mit großen Augen an: „Jawoll. Zu Befehl!“

Er startete und fuhr rückwärts aus dem Hof. Die Fahrt verlief, wenn wir von den vergeblichen Versuchen Hias‘ absehen, das Tempolimit auf der Brennerautobahn einzuhalten, ereignislos. Das wäre nicht so gewesen, wenn Hias den schwarzen Alfa im Rückspiegel bemerkt hätte, der ihnen seit der Auffahrt Innsbruck-Süd dauernd folgte. Weil dann hätte es wahrscheinlich ein Ereignis gegeben: Ein Mords-Ereignis sozusagen.

Bei Klausen fuhren sie von der Autobahn ab, in einem engen Bogen unter der Unterführung durch und bremsten quietschend vor der Mautstelle. Der Angestellte nahm die Mautkarte und blickte sie ausdruckslos an. „Zwoasäächzig.“ „Grüß Gott“, antwortete Hias. „Wieviel kostet‘s denn?“ „Zwoasäächzig.“ Hias blickte ihn fragend an und reichte einen Fünf Euro-Schein aus dem Fenster. Er erhielt zwoaviehrzig zurück und bedankte sich höflich. Der Angestellte starrte stumm vor sich hin. „Ein freundliches Wesen, gut, dass nicht alle Südtiroler so sind.“ Gloria lachte. „Nein, nein, manche sind offen feindselig. Dann gibt es die, die im Tourismus arbeiten, du erkennst sie an ihren vergeblichen Versuchen, Hochdeutsch zu sprechen. Und dann gibts auch noch die Netten. Die gibts ja überall.“

Sie fuhren ein Stück weiter und sahen auf einmal ein Schild „Hotel Bischofhof“. „Was meinst du?“ Hias blickte Gloria fragend an.
„Von mir aus Hauptsache die Schlutzkrapfen sind nicht verkocht.“ Die Schlutzkrapfen waren in der Tat nicht verkocht. Sie waren in den Händen eines Zwei-Hauben-Kochs gelandet.

Nach einem wunderbaren Abendessen flanierten die beiden Turteltäubchen Arm in Arm durch Klausens Altstadt. „Das ist ja wie Hötting. Nur schöner.“ „Du bist auch wie Hötting. Nur blöder.“ Hias schaute sie mit großen Augen an. „Aber warum, äh, was hab ich jetzt Falsches gesagt? In Hötting gibts alte Häuser und in Klausen gibts auch alte Häuser.“ „Aber in Hötting sind die alten Häuser gefährlicher: Leute schreien dort um Hilfe und Leute werden beinahe erschlagen. Hast du die Beule auf deinem Bluzer schon vergessen?“ „Aber wie könnte ich nur? Ohne Beule keine Ohnmacht, ohne Ohnmacht keine Gloria und ohne Gloria kein Klausen!“ Hias lachte und trat einen Schritt zur Seite, um dem schwarzen Alfa Platz zu machen, der im Schrittempo weiter durch die Altstadt rollte. Sie spazierten noch eine Weile durch das kleine Städchen und am Rückweg blieb Hias vor einem schönen, alten Gasthof stehen.

„Schau,“ sagte er zu Gloria, die sich bei ihm eingehängt hatte. „Walter von der Vogelweide. Vielleicht spielt er heute Abend.“
„Depp.“ Gloria lachte. „Aber auf ein Gläschen können wir ja zukehren, ich hab dich schließlich nicht als Abstinenzler kennengelernt“.

Das uralte Haus entpuppte sich als vormaliger mittelalterlicher Künstlertreff und diente seit Jahrhunderten ununterbrochen als Wirtshaus. Diese lange Tradition war der Kellnerin, die ihnen einen kleinen Tisch in der Kellerstube anwies, ins Gesicht geschrieben. „Wos kunn ich Iahnen brihngen?“ „Eine Halbe St. Magdalener bitte,“ antwortete Hias. „Und eine Kleinigkeit zum Knabbern“. Die Kleinigkeit zum Knabbern entpuppte sich als ein großer Haufen köstlichen Specks mit einem Korb voll Schüttelbrot. „Das ist ja wunderbar. Ich fühle mich hier so wohl, dass ich dir gar nicht sagen kann, wie!“ „Dann sags mir halt nicht“, gab Gloria schnippisch zurück. „Freust du dich über den Wein oder über mich?“ „Über den Speck, mein Schatz, über den …“

Er verstummte mit schmerzverzerrtem Gesicht, Glorias tritt gegen sein Schienbein war ein ungebremster Volltreffer. „… über den Speck an deinen Hüften, wollte ich sag …“ Und wieder verstummte er. Glorias Schuhspitze hatte sich hervorragend eingeschossen und er hielt es nun für das Klügste, den Schnabel zu halten, wenn er das Wirtshaus auf eigenen, halbwegs ganzen Beinen verlassen wollte. Nach einigen Minuten beschloss Gloria, nicht mehr beleidigt zu sein: „Was hältst du eigentlich von dem, was passiert ist?“ „Na, ganz einfach: Ich war frech und du hast mich getreten. Dann hab ich nochmals die Wahrheit
gesagt und du hast mich wieder …“ „Ich kann dich noch ein paar Mal treten, wenn du das willst, mein Schafbäuerlein. Gern auch woanders hin. Was ich meinte, sind die Ereignisse der letzten Tage.“„Ach so!“ Hias rieb sich mit der linken Hand den Kopf und mit der rechten das Schienbein. „Ich glaube, dass das alles ziemlich seltsam ist: Du hörst Schreie aus einem Keller, rufst mich aus Versehen an und ich krieg in eben dem Keller eines über die Birne. Auch aus Versehen?“ „Nein, das glaube ich nicht. Du hast jemanden gestört.“ „Aber wen denn? Wer sollte sich von mir im Keller gestört fühlen? Das klingt ja wie eine Verbrecherstory!“

„Vielleicht ist es das auch, Hias.“ Glorias Stimme klang ernst. „Verbrechen gibt es nicht nur im Fernsehen, …“ „ … sondern auch in der Zeitung. Und im Internet.“ Als Hias sah, wie Gloria ihre Augen zusammenkniff, setzte er rasch hinzu: „Vielleicht hast du ja Recht. Aber wir zwei in einer Verbrechergeschichte? Na, ich weiß nicht.“ „Vielleicht gehen wir nochmals alles, was passiert ist, Punkt für Punkt durch. „Wirklich alles? Auch das im Heu?“ Hias hätte nun wirklich einen neuen Tritt verdient, aber Gloria beschloss, das einstweilen zu verschieben. Sie streckte sich und dann beschrieb sie alles, was passiert war. Und wie gesagt: Punkt für Punkt. Hias schwieg. Aber, wie es so seine Art war, nicht allzu lange. Vielleicht ein, zwei Sekunden: „Scheißdreck. Entschuldige bitte, dass ich so unfreundlich bin, aber das heißt, dass wir etwas gesehen haben, ääh, dass es jemanden gibt, der meint, dass wir etwas gesehen haben, und für den wir jetzt gefährlich geworden sind?“ Er kratzte sich am Kopf und orderte bei der vierhundertjährigen Kellnerin noch einen halben Liter Wein. „Nicht wir haben etwas gesehen und nicht wir sind in Gefahr“. Glorias Stimme klang ruhig. „sondern du. Nur du, mein Schatz“. Hias schluckte. „Das heißt, dass ich, also dass du …“ „Richtig. Das heißt, dass ich mir über kurz oder lang, eher über kurz, einen neuen Schafbauern suchen muss. Du stehst auf irgendeiner Abschussliste. Es sei denn, …“. Gloria sprach nicht zu Ende. „Was sei es denn? Ääh, es sei denn was?“ Hias sah sie flehend an. Bei dem Gedanken, sich alleine mit einem bösen Verbrecher herumschlagen zu müssen, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. „Es sei denn, du überlässt mir das Kommando.“ „Aber klar! Du hast das Kommando doch schon die ganze Zeit, dann ändert sich ja für mich nichts!“ Er über Glorias Angebot dankbar. So dankbar, dass er insgeheim beschloss, nicht mehr frech zu sein und mit der Wahrheit sorgsam und verschwiegen umzugehen.