Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte


Was bisher geschah

„Herrschaftszeiten! Der ist ja noch schwerer, als er ausschaut“, sprach der Mann auf dem Weg nach Golgotha und schnaufte schwer.
„Sie schaffen das schon!“, ermunterte ihn die Frau. „Wie heißt es so schön: Oim no bessa wia a Kreiz am Buckl.“
Zweimal musste der Mann seine schwere Last ablegen und sich auf die Stufen setzen, um richtig durchzuatmen, aber schließlich war Hochwürden mit Hias auf dem Rücken vor Glorias Wohnung im zweiten Stock angekommen.

44377_146111385417269_100000552250496_327500_3867369_500

Es ist auch unschwer zu erraten: Das „Kreiz“ war Hias, der Kreuzweg-Pilger der Herr Pfarrer und die schöne Frau – richtig: Gloria. Schwerer zu erraten ist es, wie die wundersame Rettung des viel zu neugierigen – es heißt ja nicht umsonst: „Curiosity killed the sheep!“ – Raftinger Schafbauern vonstatten ging: Gloria war nach einem gemütlichen Abendessen mit ihrer Freundin Olga auf dem Weg nach Hause und wollte gerade die Haustür aufsperren, als sie aus dem Innenhof einen dumpfen Fall hörte. Sie hielt den Atem an (es stank ja auch elendiglich nach frischem Urin) und schlich auf Zehenspitzen zur Kellertür. Als sie versuchte, die halbgeöffnete Türe ganz aufzuschieben, quietschte diese laut in den rostigen Angeln und Gloria schreckte zurück. Sie horchte. Es kam ihr vor, als ob sie leise, hastige Schritte aus dem Keller hörte, aber vielleicht war es auch nur ihr Herz, das ihr bis zu den Schläfen hinauf pochte.

Die matt beleuchtete Kellerstiege beschrieb eine enge Kurve nach links, so dass sie nur in ihrem oberen Teil einsehbar war. Gloria schob ihren Kopf vor, um wenigstens ein bisschen ums Eck zu sehen. Was sie sah, raubte ihr den Atem: Zwei verdrehte Beine, die in Turnschuhen mit grober Profilsohle steckten, lagen reglos auf der Stiege, die Zehen steil anch oben gerichtet. Die Hosen waren nach oben, also in diesem Fall nach unten gerutscht und gaben den Blick auf von der Sonne völlig ungebräunte, dünne, stark behaarte Waden frei. Gloria spürte, wie sie von Angst überwältigt wurde. „Nein, bitte nicht“, dachte sie zitternd, „ich darf jetzt nicht ohnmächtig werden. Ich darf auch nicht speiben oder schreien. Ich muss fortlaufen und Hilfe holen!“

Sie drehte sich langsam um, und in dem Augenblick, als die Hofeinfahrt erreichte und auf der Straße stand, entrang sich ein ersticktes Rufen ihrer Kehle: „Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!“  Der halberstickte Schrei sollte ihr Leben retten: Gloria würde nie erfahren, wie nah Ihr der Mann mit den Lederhandschuhen bereits auf den Fersen war.

Dranbleiben – nächsten Dienstag geht es weiter….