Die Innschwimmer – Die Tiroler Geschichte


Was bisher geschah

„Ich mag dich. Wirklich!“ Hias redete flehentlich auf Gloria ein, als ihm diese klarmachte, dass sein Nachtlager auf der Couch war und nicht in ihrem Wohnzimmer. „Ich weiß ja Hias. Und ich mag dich auch. Sehr sogar!“ Glorias Stimme klang freundlich, ein wenig zu freundlich. Sie klang genau so wie die Stimme einer Frau, die einen Mann ohne allzu große Kränkungen loswerden will, der gerade flehentlich und beinahe hündisch auf sie einredet, um sie doch noch auf die Matratze zu bringen. Alle Frauen dieser Welt können mit einer solchen Stimme sprechen. Und alle Männer dieser Welt kennen diese Stimme.

Aber wie alle anderen Männer dieser Welt wollte auch Hias die schreckliche Wahrheit, die da lautete: „Eigentlich schon, aber nicht heute, vielleicht auch nicht mit dir, obwohl du irgendwie eh ganz nett bist“, nicht wahrhaben: Mit dem traurigsten Schafbauernblick, zu dem er fähig war, blickte er seiner rothaarigen Göttin in die Augen (wohin der den ganzen Abend lang nicht allzu oft geschaut hatte) und sagte: „Bitte! Lass mich heute nicht allein! Ich hab dich ja so gern!“ „Du kannst mich auch gern haben“, dachte Gloria, aber sie sagte ganz sanft: „Es ist einfach zu schnell für mich. Gib uns noch ein bisschen Zeit. Wir müssen ja nicht schon am Anfang alles niederreißen.“

Hias wollte freilicht nicht alles nieder- sondern lediglich Glorias Kleider von ihrem Leib reißen. Er dachte kurz daran, das auch zu tun, verwarf diesen Gedanken aber gleich wieder und schmollte ein bisschen. Gloria fuhr ihm zärtlich durch seine struppigen Haare. „Sei nicht böse, Hias, ich hab dich ja auch lieb. Es ist nur so, dass ich …“ Sie war dankbar für seine Unterbrechung „Ja, ja, ich verstehe. Du magst mich nur als Bewusstlosen, den du bemuttern kannst. Kaum bin ich wieder fit und aktiv, wird ich schon uninteressant. Es ist immer das Gleiche mit euch Frauen: Ihr braucht jemand zum Bemuttern und keinen Tiger!“

Glorias Mundwinkel zuckten, sie musste sich auf die Zunge beißen um bei dem Gedanken, dass Hias höchstens ein Schafbock sein könnte, nicht laut loszulachen. Von wegen Tiger! Da machte Hias etwas sehr Gemeines: Er stand von der Couch auf, kniete sich vor Gloria nieder und begann ihr ganz sachte, die Füße und die Unterschenkel zu massieren. Er gab sich große Mühe, stets im Bereich unterhalb ihrer schönen Knie zu bleiben und nicht immer schneller und schneller über ihre makellose Haut zu reiben. Er hatte das vor Jahren in einem Schundroman gelesen: Langsames Streicheln führt am schnellsten zum Ziel. Gloria schloss die Augen und lehnte sich langsam zurück. Seine Hände brachten sie zum Kribbeln und sie fühlte, wie etwas Feines, Warmes in ihr hochstieg, etwas, das sie liebte und zugleich nicht mochte, zumindest nicht heute. Nicht jetzt. Oder vielleicht doch.

Sie setzte sich mit einem Ruck auf und packte Hias bei den Haaren. „Ja, Hias. Ja doch. Komm!“ Und so wurde für Hias ein Traum wahr, der auch für Gloria einer war. Wir alle kennen die Geschichte dieses Traumes. Oder wir würden sie gerne kennen: Zwanzig Finger, die sich auf die Suche nach etwas machen, das sie in jedem Augenblick ihrer Suche finden, zwei heiße Zungen, die sich eine neue, langersehnte Welt erschmecken, zwei bebende, miteinander im größten Ernst der Welt, der Liebe, spielende Körper, Haare, die auf fremder und doch so vertrauter nasser Haut kleben, und dann: Das donnernde Crescendo!