Was bisher geschah…

… und erwürg‘ das böse Gfrast!“ Hochwürden schlug ein Kreuz über dem Laptop, drückte „STRG“ und „S“ und klappte den Bildschirm nach unten. Er stand auf, streckte sich langsam und machte ein paar Schritte hin zum Fenster. Er hatte nun drei Stunden lang ununterbrochen getippt und seine Augen schmerzten. Seine Lungen auch, denn er war so konzentriert damit beschäftigt gewesen, sich einen Überblick über die ganze Situation zu verschaffen, dass er ganz auf seine Zigarren vergessen hatte.

Der Gottesmann steckte sich einen „Krummen Hund“ an und nahm genüsslich ein, zwei tiefe Züge. Dann öffnete er das Fenseter, stützte seine Ellbogen auf die Fensterbank und blickte in die Gasse vor dem Widum. Vor seinen Augen verschwamm die nachmittägliche Ruhe vor dem Haus mit den Bildern aus seiner Erinnerung – und aus seinen Befürchtungen:
Gloria hatte ihn vor einigen Tagen angerufen und ihm erzählt, dass sie mit Hias ein paar Tage nach Südtirol fahren wollte. „So ein lieber Kerl!“, hatte sie ihm von dem Schafbauern vorgeschwärmt. Seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört. Und jetzt begann er sich Sorgen zu machen. Diese Sorgen kreisten allerdings nicht nur um Gloria und um ihren Hias, sondern auch um die anderen Dinge, die ihn beschäftigten. Er hatte, seit vielen Jahren zum ersten Mal, Angst, dass ihm die Kontrolle über die Dinge entgleiten konnte, wenn er nicht auf der Hut war.

Also nahm er den Hut, seinen Blackberry und startete zu einem Spaziergang auf die Hungerburg. Die Schachtel mit den Zigarren hatte er bereits in der Tasche seines Habits untergebracht.

Auf der Straße war er sicher, dass ihn niemand abhören konnte, zu viele Störgeräusche. Er nahm seine Brombeere aus der Tasche, drückte ein paar Tasten und schob ihn wieder zurück, während er sich sein Bluetooth-Headset hinter das linke Ohr klemmte. Nun konnte er beide Hände wie zum frommen Gebet falten, während er an seiner Zigarre kaute und auf Francescas „Pronto?“ wartete. Dieses „Pronto!“, das von seinem Ohr ohne lästigen Umweg über das Gehirn und dessen eigenartige Instanzen direkt in jene Körperregionen drang, die vom Vatikan noch weiter entfernt waren als die Sonne von der Erde.

„Pronto? Ah, Hohe Würde in persönlich! Das ist aber eine große Freude für uns beide!“
Hochwürden, dem seine Würde, wie alles andere Konjuntivische auch, beim Gedanken an Francesca herzlich wurscht war, schluckte.
„Meine Lieben, ähh, meine Liebe! Ja, dich freu mich auch, deine Stimme zu hören.“ Dass seine Freude noch in erheblichem Ausmaß steigerungsfähig war, wusste Francesca natürlich. Als Italienerin war es in ihren Genen festgeschrieben: Ein Gottesmann auf der Matratze war der Gipfel der alpinen Fantasien aller Italienerinnen. Und mancher Italiener auch, aber das ist eine andere Geschichte.

„Was führt sie zu meinem Ohr? Was kann ich tun für Sie?“
„Lassen, meine Tochter, nicht tun. Du musst gar nichts tun, du musst mich nur lassen.“ Hochwürdens Antwort blieb natürlich auch diesmal wieder im Reich seiner frommen Gedanken hängen, seine ngesprochene Antwort war: „Ich hab eine Frage, liebe Francesca. Du kannst dich ja noch an die beiden jungen Leute erinnern, von denen ich dir erzählt habe.“
„Aber naturallmente! Gloria und ‚Iahs. Die beiden tauben Turteln.“
„Turteltauben, meine Liebe. Macht aber nix. Hören Sie zu: Die zwei sind vor einigen Tagen nach Südtirol gefahren und jetzt habe ich seit einigen Tagen nichts mehr gehört. Ich fange an, mir Sorgen zu machen, weil …“
„… Aber das ist reizend! Ein Priester macht sich sorgend um zwei Verleibte, ääh Verliebte! Herr Padre, Sie müssen wissen, die Liebe sucht sich manchmal ein wenig eine stille Umnachtung!“
Hochwürden war jetzt einer solchen ziemlich nahe, gottseidank ging er gerade an einer Bushaltestelle vorbei, und er konnte sich rasch auf die Sitzbank fallen lassen.