Überlebenselexier Kunstschnee

Schnee, das weiße Gold, der Puderzucker – wo bleibt er nur? Angesichts der derzeitigen Situation, kann ich es mir nicht verkneifen, ein paar Gedanken über die Situation der Tiroler Skigebiete zu äußern. Der momentane Extremfall könnte nämlich in 20 Jahren schon zur Normalität werden.

Die Steppe Tirol

Im November 2011 kam die Wettersituation in Tirol wohl eher einer Steppe gleich. Einen Monat lang kein Regen: „Innsbruck ist seit 20.10.2011 niederschlagsfrei, so lang wie noch nie.“ (ZAMG). Kaum vorstellbar, so lange ohne Niederschlag zu sein. So mancher wird sich dessen wohl  gar nicht bewusst und freut sich einfach über das wochenlange Schönwetter. Ein anderer blickt auf die Berge und fühlt es, dass da etwas nicht stimmt. Die Nordkette komplett grün, Glungezer Nordseite nur leicht angezuckert, kein Naturschnee unterhalb von 2500m…da passt doch was nicht.

Kunstschnee in Obergurgl

Foto: „Dachstein“

Die gleichen Gedanken werden auch in den Köpfen der Skigebietsbetreiber herumschwirren. Viele wollten bereits dieses Wochenende (25.11.2011) in die Wintersaison starten, doch wenn sie auf ihre Pisten schauen, lacht sie nur eine vertrocknete Wiese an. Dieses Jahr gab es also keinen „frühesten Saisonstart aller Zeiten“ – so wie es damals im Herbst 2009 von Kitzbühel werbewirksam rausgeschrien wurde. Jetzt verhält man sich eher kleinlaut und versucht nicht aufzufallen. Wohl dem, der da schon rechtzeitig in seine Beschneiungsanlage investiert hat und Kunstschnee produzieren konnte.

Ischgl und Obergurgl offen

Während in fast allen Tiroler Skigebieten die Lifte stillstehen, haben es zwei Winterskigebiete tatsächlich geschafft, ihre Openings durchzuziehen. Ischgl ist dieses Wochenende termingerecht inklusive Roxette-Konzert in die Saison gestartet, in Obergurgl laufen die Lifte sogar schon seit zwei Wochen. Dem Kunstschnee sei Dank. Auf manchen Pisten liegt kein einziger natürlicher Schneekristall. Neben den Schneebändern offenbaren die grauen Wiesen, wie es dort eigentlich aussehen würde. Aber das stört den 0815-Touristen nicht, er kann Skifahren und das ist die Hauptsache.

Skigebiet Obergurgl geöffnet

Die Hälfte der Pisten in Obergurgl sind geöffnet - dank Kunstschnee!

Foto: „Dachstein“

Kunstschnee als Überlebenselexier

Aus dieser Situation lässt sich praktisch die Zukunft erkennen – und das ist sicher keine Kaffeesatzleserei. All die Skigebiete, die sich in naher Zukunft nicht um eine schlagkräftige Beschneiungsanlage kümmern, können keinerlei Schneegarantie bieten. Dabei geht es nicht allein um die Schneeanlage an sich, es geht darum wie schnell eine akzeptable Anzahl von Pisten bereitgestellt werden kann. Dabei haben die Skigebiete mit Nordostexposition und oberhalb von 2500m eindeutig die Nase vorn. Alles darunter wird auf lange Sicht sehr unsicher. Das heißt in Klartext: Ischgl, Sölden und Obergurgl  (und natürlich die Gletscherskigebiete) befinden sich in einer ausgezeichneten Situation und werden auch in den nächsten 20 Jahren sehr profitabel arbeiten. Auf alle anderen Skigebiete werden auf Grund der Höhenlage große Probleme zukommen.

Schnee kommt!

Keine Sorge, der Schnee wird kommen. Meine Glaskugel sagt mir für das kommende Wochenende einen kräftigen Nordstau voraus. Spätestens dann heißt es auch in den anderen Skigebiete aufatmen. Sie sollten jedoch diese Extremsituation im November 2011 als ersten Warnschuss betrachten. Es wird in Zukunft öfters vorkommen…

P.S.: Die Medien in Deutschland haben jedenfalls die Kunstschneestimmung in Ischgl schon bearbeitet: Bericht RTL-Nachtmagazin