Was bisher geschah…

Mutschlechner hörte ein Kratzen am Türstock, und zwar in dem Augenblick, in dem er den Schlüssel umdrehte. Er wartete einen Augenblick, dann öffnete er die Türe. Das heißt, er öffnete sie nur einen Spalt, denn Hias schlug sie voll Panik mit aller Kraft wieder zu.
Damit hatte der Killer nicht gerechnet. Wer ging einen Schritt zurück, senkte die entsicherte Waffe und erkannte, dass jetzt er in der Klemme hockte: Er wollte seine Geiseln abholen. Dass ihm die beiden buchstäblich die metallene Türe vor der Nase zuschlugen, war eine unliebsame Überraschung für ihn. Er liebte Überraschungen nämlich nicht besonders, wenn sie sich im Rahmen seiner Berufsausübung ereigneten, hasste er sie geradezu. Er biss sich vor Zorn in die Unterlippe, als ihn klar wurde, dass die zwei Idioten soeben vor ihm geflüchtet waren, ohne davonzulaufen: Ein Schuss wäre an der Türe abgeprallt, ganz abgesehen davon, dass er im Hotel rasch große Aufmerksamkeit eregen würde. Und das waAr auch etwas, das er nicht besonders liebte. Die Waschküche hatte kein Fenster, und um zur Außtneür zu gelangen, musste er zurück in die Eingangshalle und den Platz vor dem Hotel überqueren und es war kaum möglich, das ungesehen zu schaffen. Zudem hatten die Beiden Wasser in der Waschküche und konnten es dort notfalls tagelang aushalten. Mutschlechner trat einen Schritt nach vor und schob den Schlüssel langsam ins Schloss. Er horchte. Und dann rannte er plötzlich los.

Hias hatte sich vor seinem Schreck rasch erholt, Glorias Kuss tat ihm auch wohl und so sank sein Puls schon bald wieder auf 300. Er blickte sich um und war mit wenigen Schritten bei der hinten Türe, die nach außen führte. Entschlossen begann er, den Tischfuß als Hebel einsetzend, die Türklinke und mit ihr, so hoffte er wenigstens, das Schloss aus der Verschraubung zu reißen. Gloria sah ihm gebannt zu, sie kaute vor Aufregung an ihren Fingernägeln. Und sie bemerkte, vielleicht zum ersten Mal, dass Hias auch dann ein patenter Kerl sein konnte, wenn er nicht auf einer Matratze lag. Oder im Heu.

„Kann ich dir helfen, mein Schatz?“
Glorias Frage kam zum ungünstigsten Zeitpunkt, nämlich in dem Moment, in dem Hias mit dem Tischbein abrutschte und nach hinten stolperte. Er setzte sich nieder und blickte Gloria beleidigt an:
„Helfen, mein Schatz? Klar kannst du mir helfen. Gloria auch beleidigt, ihr patenter Kerl war auf einmal ein patenter Depp und so machte sie, eher aus Ratlosigkeit als aus Tatendrang, ein paar Schritte zur Tür hin, an der sich Hias so abgemüht hatte, drückte die Klinke nach unten und öffnete sie.

Die Sonne fiel weit in den Raum hinein und tauchte zwei Menschen in jenes milde Sonnenlicht, das bereits ganze Generationen von Südtirol-Urlaubern so zu schätzen gewusst hatten: Eine rothaarige Frau, die in der Tür stand und ein Mann, der hinter ihr am Boden saß und sich die Augen rieb: Ihr Entführer hatte vergessen, die Hintertür ihres Gefängnisses abzuschließen!
Gloria und Hias schrieb zugleich auf, als ihnen ihr Glück bewusst wurde und sie waren mit einem Satz im Freien. Ohne zu zögern, nahm Hias, dem dein Beleidigtsein auf einmal so wurscht war wie Gloria das ihre, diese bei der Hand. Sie rannten die steile Einfahrt nach oben, wandten sich, ohne sich noch einmal umzusehen nach links und hatten die Unterführung, die sich Richtung Eisack führte, beinahe erreicht, als der Schuss fiel.